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Betrachten wir, anknüpfend an
die vorausgegangene Erörterung, jetzt die Situation eines Teilchens in einem Kristall, das aber zu einem
System vieler Teilchen gehört. |
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Alle Teilchen sind identisch, was eines macht,
machen auch alle anderen. Im Mittel natürlich, immer nur im Mittel. |
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Die folgende Graphik zeigt den
Verlauf der Energie (genauer: Enthalpie) für dasjenige Atom, dessen Sprung
in die Leerstelle wir betrachten; in der Graphik ist es blau markiert. |
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Das jeweilige Energieminimum entspricht dem
Gleichgewichtsplatz im
Gitter; das Maximum der Energiebarriere korrespondiert mit der gezeigten
Konfiguration, in dem das springende Atom eine energetische Sattelpunktslage hat (in zwei Richtungen geht
es energetisch bergab; in die dazu senkrechten Richtungen bergauf, topologisch
entspricht das einem Sattel) |
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Für irgendein anderes Atom, das eine
Leerstelle als Nachbar hat, sieht die Lage exakt identisch aus. Alle Nachbaratome zu irgendeiner Leerstelle sitzen
energetisch im Niveau E1. |
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Wie lange wird man im Mittel warten
müssen, bis das Bezugsatom in die Leerstelle hüpft? Nennen wir diese
mittlere Zeit t, dann können wir eine
mittlere Sprungfrequenz oder Sprungrate r = 1/t definieren, die angibt, wie oft
die Leerstelle pro Sekunde einen Sprung
durchführt. |
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Denn für die Sprünge der Leerstelle ist es gleichgültig, welches der Nachbaratome springt. Wenn eines davon
(im Mittel) 0,1 Sekunden braucht, werden jedenfalls (im Mittel)
10 Atome pro Sekunde in die Leerstelle springen - und damit macht die
Leerstelle (im Mittel) 10 Sprünge. |
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Wir können die Sprungrate und das
Energiediagramm deshalb auch auf die Leerstellen beziehen und sagen die
Leerstelle "hüpft" über die Energiebarriere. Das ist
letztlich einfacher, da wir dann die Bewegung einer Leerstelle verfolgen, statt das Gehüpfe
vieler Atome. |
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Wie groß ist die (mittlere)
Sprungrate r der Leerstelle? Und
zukünftig werden wir uns das "im Mittel" ersparen, wir wissen,
was gemeint ist! |
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Wenn alle Atome auf ihren Gitterplätzen
stillsitzen, wird r = 0 sein müssen. Das passiert aber nur bei T
» 0K; denn bei endlichen Temperaturen
sitzen die Atome ja nicht still, sondern schwingen in ihrem Potentialtopf um
ihre Gleichgewichtslage. Ihre mittlere
Energie ist ja gerade ein Maß für die Temperatur,
es
gilt |
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Die Energie eines Atoms (oder der Leerstelle) fluktuiert aber um
den Mittelwert herum- mal ist sie größer, mal kleiner. |
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Gelegentlich
kann damit vorkommen, dass ein Atom soviel
Energie zur Verfügung haben wird, daß es die Energiebarriere
überwinden kann. |
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Mit zunehmender Temperatur und damit mittlerer
Energie, steigt erkennbar die Wahrscheinlichkeit, daß ein Sprung
durchgeführt wird. (Mit zunehmendem mittlerem Einkommen vieler steigt die Wahrscheinlichkeit, dass mal
einer eine Million hat). |
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Im
Potentialbild
ließ sich das leicht illustrieren. Das Atom schwingt um die Ruhelage,
d. h. es läuft mit seiner Schwingungsfrequenz n gegen die Energiebarriere an. Je nach momentaner
Energie in der Schwingung (mit dem Mittelwert 3/2 kT), kommt es
mehr oder weniger weit hoch. |
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Wenn es dabei zufällig mal eine Energie
³ DE
hat, wird es einen Sprung durchführen. |
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Damit können wir für
die Sprungrate r folgende ganz allgemeine Beziehung
aufschreiben: |
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Sprungrate
r = Zahl der Anläufe n
· Wahrscheinlichkeit p(DE)
für E ³ DE
oder
r = n ·
p(DE)
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Mit n = mittlere
Schwingungsfrequenz der Atome, p(DE) = Wahrscheinlichkeit für E
³ DE. |
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Diese Formel kommt uns bekannt vor; sie war der wesentliche Term
bei der
Konzentration
von Leerstellen im thermischen Gleichgewicht mit DE = HF(V) =
Bildungsenthalpie der
Leerstelle. (Wir werden gleich sehen
warum). |
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Wir postulieren diese Formel hier ohne weitere Begründung, sie läßt
sich nur im Rahmen der
statistischen
Thermodynamik sauber herleiten. Im Hyperskript "Einführung in die
Materialwissenschaft II" werden wir aber auf die Herleitung noch etwas
näher eingehen. |
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Wir können jetzt sofort einige
Verallgemeinerungen vornehmen und weitreichende Folgerungen ableiten. |
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Dazu schauen wir uns den Fall an, dass die
Energieminima links und rechts der Barriere verschieden tief sind. Das sieht dann etwa so
aus: |
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Die Teilchen werden
im Beipiel oben mit einer bestimmten Rate
über die Energiebarriere springen, wir verallgemeinern das jetzt ein wenig
zu der Sprungrate R für eine gegebene Zahl N
an Teilchen und erhalten die Gleichung |
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| R |
= N · r = A · exp
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E
kT |
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R sagt uns also, wieviel Teilchen
aus den N vorliegenden pro Sekunde über die Energiebarriere
hüpfen. |
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Der Vorfaktor
A enthält damit die Zahl
der Teilchen, die gegen die Energiebarriere anlaufen sowie die Anlauffrequenz, d.h. A = N ·
n. Aber vielleicht auch, um ganz allgemein zu
bleiben, noch andere, mit der Natur der
Reaktion zusammenhängende konstante
Parameter, die wir jetzt noch nicht kennen. |
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Der Exponentialterm enthält eine ganz universelle
Abhängigkeit von der Energie und der Temperatur. Er hat einen eigenen
Namen und heißt Boltzmannfaktor. |
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Wir betrachten nun einen Fall, in dem
alle Teilchen zu Beginn des
"Experiments" im Minimum bei E1 sitzen. Das
System ist dann sicher nicht im Gleichgewicht. Was wird geschehen? |
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Das sieht nun verlockend einfach aus: Alle
Teilchen bei der höheren Energie E1 springen
früher oder später über die Energiebarriere, irgendwann sind
alle bei der kleineren Energie E2 und damit im Minimum
der Energie. |
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Fein. Aber Teilchen sind
dumm, sie wissen nicht, dass sie "eigentlich" im Minimum
bei E2 glücklich und zufrieden sein sollten,
sondern tun was sie immer tun: Sie rennen gegen Energiebarrieren an - und zwar
gegen alle Energiebarrieren, auch die in
energetisch "falscher" Richtung. |
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Unsere Sprungratengleichung gibt uns
aber nicht nur die Sprungrate R12 von
E1 nach E2, sondern auch die
Sprungrate R21 von E2
nach E1. |
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Das
thermodynamischem
Gleichgewicht das wir jetzt suchen,
wird ein
dynamisches
Gleichgewicht sein müssen, bei dem keine
Nettoreaktion
mehr stattfindet. Insbesondere dürfen sich dann die Teilchenzahlen in den
beiden Energieniveaus nicht mehr ändern. |
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Das ist offenbar dann, und nur dann der Fall,
wenn die beiden Sprungraten gleichgroß sind, weil dann genau so viele
Teilchen in ein Energieniveau hinein- wie heraushüpfen. Der
"Kontostand", d.h. die Teilchenzahl des Energieniveaus, ändert
sich dann nicht mehr. |
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Das läßt sich nun leicht
als Gleichung hinschreiben. |
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Die Wahrscheinlichkeit
p12 eines Sprungs von
E1 nach E2 ist durch den
Boltzmannfaktor gegeben zu
p12 = exp(DE/kT), die Wahrscheinlichkeit
p21 für einen Sprung zurück, von
E2 nach E1, ist
p21 = exp[(E1
E2 + DE)/kT]. |
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Denn die Höhe der Energiebarriere
E21 im zweiten Fall ist nach
obigem Bild offenbar |
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Die Gleichheit der Reaktionsraten
erfordert nun |
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R12
R21 |
= 1 = |
A12
A21 |
· |
exp[DE]/kT
exp[E1 E2 +
DE]/kT |
= |
A12
A21 |
· exp |
E1 E2
kT |
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Die Energiebarriere DE fällt heraus, und da die
Energiedifferenz E1 E2 ein
fester Parameter ist, macht die Gleichung eine Aussage über die notwendige
Größe der Vorfaktoren A im Gleichgewicht. |
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Die Vorfaktoren
A12 und A21 sind
nun im einfachsten Fall die Produkte der Teilchenzahlen
N1 bei E1 bzw.
N2 bei E2 mal der
Anlauffrequenz n1, 2. |
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Da n1
» n2
sein wird, erhalten wir eine Beziehung zwischen den Teilchenzahlen
N1 und N2 im Gleichgewicht. |
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Mit A1,2 =
n · N1,2 erhalten wir
eine der wichtigsten Gleichungen der
Materialwissenschaft |
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Das ist ein etwas überraschendes
und ungeheuer wichtiges Ergebnis, da
DE, die Höhe der Energiebarriere zwischen
E1 und E2 gar nicht mehr
vorkommt! Die Formel sagt im Klartext: |
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Im
thermodynamischen Gleichgewicht ist die Zahl an Teilchen
N1 und N2, die zwei
miteinander "korrespondierende" Energieniveaus
E1 und E2 besetzen, nur durch
den Boltzmannfaktor der Energiedifferenz
E1 E2 gegeben.
(Vorzeichen immer so, daß bei der höheren
Energie weniger Teilchen "sitzen"). |
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Das bedeutet, dass
die Höhe der Energiebarriere DE
zwischen den Niveaus für das
Gleichgewicht belanglos ist. Eine hohe Barriere bedeutet nur,
daß es länger dauert, bis die
Gleichgewichtsverteilung erreicht ist. |
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In anderen Worten:
Der Weg ins Gleichgewicht; wie man da hin
kommt und wie lange es ggf. dauert, ist für den Gleichgewichtszustand
selbst egal. |
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Dies ist nicht im Widerspruch zu obiger Aussage, daß ausschließlich die Höhe der
Energiebarriere, in unserem Beispiel DE, für die Wahrscheinlichkeit des Übergangs entscheidend
ist. Nochmals: |
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Die Differenz der Energien entscheidet über die
Besetzung, über die im zeitlichen
Mittel konstanten Teilchenzahlen bei den Energieniveaus im Gleichgewicht. |
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Die Höhe der Energiebarriere entscheidet über
die Zeitdauer, die benötigt wird um
Gleichgewicht zu erreichen. |
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Die Erweiterung auf mehr als zwei
Niveaus ist einfach. Obige Beziehung gilt für
jede Kombination zweier Energieniveaus. |
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Graphisch sieht das dann so
aus: |
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Auf jedem Energieniveau sitzen im Gleichgewicht gerade so viel Teilchen wie es der
Boltzmannfaktor (bezogen auf die Energie des Grundniveaus) vorgibt. |
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Gleichzeitig ist natürlich immer die
Nebenbedingung zu erfüllen, dass SNi = N, d.h. dass die Summe
der Teilchen auf allen Energieniveaus gleich der Gesamtzahl N
sein muß. |
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Falls das Grundniveau E0
deutlich tiefer liegt als das erste höhere Niveau
E1 (Genauer: Falls E1
E0 >> kT) dürfen wir in guter
Näherung N0 »
N setzen, d.h. wir haben nur wenige Teilchen auf höheren
Niveaus. |
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Dieser Fall ist die Regel, wir
unterstellen ihn jetzt immer automatisch. (Falls wir das nicht tun, wird's
etwas schwieriger; Neugierige können den
Link
betätigen |
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Die nebenstehende
Zeichnung zeigt das natürlich nicht, sonst wäre nichts mehr zu
sehen! |
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Wir kommen zum Schluß,
daß unter Verwendung der Boltzmannformel für die
Sprungwahrscheinlichkeiten, im thermodynamischen
Gleichgewicht auch Zustände mit höheren Energien als die
kleinstmögliche Energie des Systems mit einigen Teilchen besetzt
sind. |
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Das ist auch nicht verwunderlich,
denn thermodynamisches Gleichgewicht erfordert die Minimierung der freien Enthalpie des Systems, nicht die Minimierung
der Energie der einzelnen Teilchen. |
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Wären alle Teilchen bei der tiefstmöglichen Energie
(besser Enthalpie) des Systems, wäre die Entropie zu klein, denn es gibt
nur eine Möglichkeit um alle
(ununterscheidbaren) Teilchen energetisch anzuordnen. |
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Aus dem Boltzmannfaktor
läßt sich damit eine (für unserer Zwecke) simple Verteilungsformel für die Verteilung
von Teilchen auf verschiedene Energiezustände angeben, die sogenannte
Boltzmannverteilung: |
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Sie sagt in Worten:
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Falls ein thermodynamisches System
verschiedene angeregte Energiezustände Ei
relativ zum Grundzustand E0 hat (mit E0 =
Zustand mit der kleinsten
Energie := 0), dann ist im thermodynamischen Gleichgewicht
die Zahl der Teilchen Ni bei der Energie
Ei
(näherungsweise) gegeben durch
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Man kann diese Formel gar nicht genug
hervorheben; sie ist absolut zentral für nahezu alles, was auch nur
entfernt mit Kinetik, mit Veränderungen zu tun hat. |
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Im Gegensatz zur
Schrödingergleichung (die sicher noch fundamentaler und wichtiger ist),
werden wir diese Gleichung aber nicht nur gelegentlich, sondern sehr
häufig benötigen. |
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Dabei dürfen wir, wie schon
ausgeführt, in guter Näherung N0
» N = Gesamtzahl der Teilchen
setzen, falls Ni << N0
gilt. |
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Das ist eine sehr
weitreichende Aussage! Wir behaupten nicht mehr und nicht weniger, als
daß die freie Enthalpie eines
jeden Systems, in dem es für die
(klassischen) Teilchen verschiedene erreichbare Energiezustände gibt,
immer minimal ist, wenn die Teilchen nach
der Boltzmannverteilung, oft auch Boltzmann
Statistik genannt, die Energieniveaus besetzen. |
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Cool! Heißt das, nie mehr
Anordnungmöglichkeiten abzählen und mühsam mit Fakultäten
hantieren zu müssen? Die Antwort ist: im Prinzip - Ja! Aber ein bißchen müssen wir später doch noch aufpassen. Wir haben zwei
Einschränkungen einfach unter den Tisch fallen lassen, nämlich: |
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1. Falls die Quantenmechanik
zuschlägt und wir das
Pauli-Prinzip
beachten müssen, kann die Formel nicht
stimmen: es können höchstens so viele Teilchen bei der gleichen
Energie "sitzen", wie der
Entartungsgrad dieser
E-Niveaus angibt. Sonst würden wir das Pauli-Prinzip
verletzen Und das ist absolut
verboten! |
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2. Vielleicht gibt es bei
irgend einer Energie gar nicht so viele reale Plätze wie Teilchen, die
darauf sitzen möchten. Dann muß man etwas tiefer nachdenken. |
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In den meisten klassischen Systemen
gibt es aber diese Einschränkungen nicht. Wir müssen tatsächlich
nie mehr Kombinatorik treiben; dafür aber etwas abstrakter denken, wie wir
sofort sehen werden. |
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Wer jetzt schon recht abstrakt denken
will, schaut sich den
Link
an, dort sind einige der obigen Näherungen nicht mehr gemacht |
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Warum gilt diese einfache
Verteilungsfunktion? Weil der Boltzmannfaktor oder die Boltzmannverteilung, die
hier ohne Begründung postuliert wurden, unmittelbare Konsequenzen
länglicher Rechnungen in der
statistischen
Thermodynamik sind. |
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Eine Besetzung der Energieniveaus
eines (klassischen) Systems mit (klassischen) Teilchen dergestalt, daß
die freie Enthalpie ein Minimum hat,
führt zwingend (ohne Näherungen!) auf die Boltzmannverteilung. |
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Wir werden diese Thematik im
2. Teil des Hyperskripts vertiefen, und dann auch sehen, was sich
ändert, wenn wir nicht klassische Teilchen, sondern quantenmechanische
Teilchen betrachten. |
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Nochmals: Die Boltzmannverteilung ist eine der wichtigsten Formeln der
Materialwissenschaft. Wir werden ihr noch oft begegnen; im
nächsten Unterkapitel werden wir sie benutzen um die Diffusion von
Teilchen quantitativ zu beschreiben. Vorher wollen wir sie aber noch kurz auf
die Gleichgewichtskonzentration atomarer Fehlstellen anwenden. |
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Ausgerüstet mit dem Werkzeug der
Boltzmannverteilung, hätten wir die Formel für die
Leerstellenkonzentration, wie oben bemerkt,
sofort hinschreiben können. Denn ein Atom auf einem Gitterplatz hat energetisch gesehen 2 mögliche
Energiezustände: |
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Es kann auf einem beliebigen Gitterplatz bei der
Energie E0 "sitzen". Der "Platz"
auf dem das Teilchen sitzt bezieht sich jetzt auf ein Energieniveau, nicht mehr
auf eine Koordinate. |
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Es kann einen beliebigen Gitterplatz frei geben,
d.h. über irgendeinen Weg aus dem Kristall "verschwinden". Dann
"besetzt" es energetisch das
Niveau E0 + EV.
(Wir schreiben jetzt EV statt
HF(V) für die Bildungsenthalpie bzw.
-energie). |
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Diese Betrachtung zeigt, wie
angemerkt, den notwendigen höheren Grad an Abstraktion; im wesentlichen
daß wir über "Plätze" im Energieraum reden. |
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Wer mit dem "Niveau"
E0 + EV Probleme hat, soll sich
einfach mal vorstellen, einem Atom kontinuierlich Energie zuzuführen. Nur
falls man mindestens die Bildungsenergie der Leerstelle trifft, kann strukturell etwas passieren,. Wie es passiert, d.h.
wie der Weg zum neuen Zustand aussieht, kann uns, wie oben ausgeführt,
dabei egal sein sofern wir genügend lange warten können. Bei allen
anderen Energien besetzen wir bloß die uns hier nicht interessierenden
Energieniveaus der Schwingungen im Potentialtopf. |
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Immer noch abstrakt? Nun gut - auch hier gilt
der erste Hauptsatz der
Betriebswirtschaftslehre! |
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Mit der Boltzmannverteilung wird dann
die Zahl der Atome bei E0 + EV =
Zahl der Leerstellen |
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d.h. wir erhalten sofort die
alte Formel.
Wenn das kein Fortschritt ist! |
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Für Zwischengitteratome gilt selbstverständlich
sinngemäß dasselbe. |
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Hier läßt sich auch leicht einsehen,
daß bei der Bildungsenergie der Zwischengitteratome,
Ei, tatsächlich ein zweites energetisches Niveau
für richtige Atome liegt, man muß nicht einmal sehr abstrakt
denken. |
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© H. Föll