|
Im vorhergehenden Kapitel haben wir
uns ausführlich mit dem thermodynamischen Gleichgewicht beschäftigt, dem finalen Zustand den alle Systeme anstreben; sei es
ein einzelnes Atom (ein System aus wenigen Nukleonen, Elektronen und Feldern)
oder das gesamte Universum (ein System aus ca. 1080 Teilchen
in sehr vielen verschachtelten Untersystemen). |
|
 |
Gottseidank ist das Universum, das
Solarsystem, die Erde und jede Person die das hier liest, sehr weit weg vom
Zustand des thermodynamischen Gleichgewichts - alles fließt, wie ein
alter Grieche vor
langer Zeit behauptet hat. |
|
 |
Denn sonst würde nichts mehr geschehen;
im absoluten GG ändert sich nichts
mehr. Alle zeitlichen Ableitungen relevanter Größen sind
= 0. |
|
 |
Das thermodynamische Gleichgewicht kann man damit
als das finale Ziel eines Systems
betrachten. |
 |
Ein System, das sich nicht im thermodynamischen Gleichgewicht befindet,
hat die Tendenz, sich ins Gleichgewicht zu begeben. |
|
 |
Dazu muß es sich "bewegen",
zeitliche Ableitungen seiner
Zustandsfunktionen
müssen ¹ 0 sein. In der Mechanik
braucht man dazu Kräfte - und auch in der Thermodynamik sprechen wir von
verallgemeinerten Kräften, die das System in einen anderen Zustand
treiben" - z.B. in Richtung Gleichgewicht. |
|
 |
Die treibenden
Kräfte in Richtung Gleichgewicht sind die partiellen Ableitungen des passenden thermodynamischen
Potentials. Der Tendenz, sich ins Gleichgewicht zu begeben,
können aber (nochmals: gottseidank) diverse Einflußfaktoren
entgegenwirken. Man kann sie in zwei Klassen einteilen: |
 |
1. Das System ist offen, es tauscht Energie (und Entropie) mit der
Umgebung aus. |
|
 |
Dann kann es seine Entropie konstant halten oder
sogar verringern (auf Kosten einer Entropiesteigerung woanders). Das gilt
insbesondere auch für biologische Systeme. Ohne Energiezufuhr (im
wesentlichen benötigt zur Entropieerniedrigung, weniger zur
Temperaturregelung und Arbeitsverrichtung), betritt man unweigerlich der Weg in
Richtung Gleichgewicht, auch Tod
genannt. |
|
 |
Allgemeiner gesagt: Etwas fließt durch das System - Teilchen, Energie,
elektrischer Strom, Entropie, ...; was auch immer. Jedenfalls sind wir nicht im
Gleichgewicht solange die Bilanz ("rein" minus "raus")
nicht = 0 ist. |
 |
2. Das System ist zwar von der
Umwelt weitgehend isoliert (z.B. nur durch
eine gemeinsame Temperatur gekoppelt), befindet sich aber in einem metastabilen Gleichgewicht. |
|
 |
Das System sitzt also in einem Nebenminimum des jeweiligen thermodynamischen
Potentials; aus diesem Nebenminimum wird es nur langsam oder gar nicht
herausfinden. |
|
 |
Hier werden wir
hauptsächlich diesen Fall behandeln. |
 |
Die Thermodynamik als
Fundamentalwissenschaft kann eigentlich nur Aussagen über Gleichgewichte
machen. Für Systeme weit weg vom
thermodynamischen Gleichgewicht, sind andere, weit weniger gut verstandene
Theoriegebäude zuständig, bekannt unter Bezeichnungen wie Synergetik, Chaostheorie, Nichtgleichgewichtsthermodymanik
oder Theorie kritischer Phänomene.
|
 |
Für Systeme, die aber nicht so
ganz weit weg vom Gleichgewicht sind, kann die herkömmliche Thermodynamik
ergänzt werden durch die Kinetik, die Lehre
vom Weg ins Gleichgewicht. |
|
 |
Typische Beispiele für kinetische
Aufgabenstellungen findet man in allen Phasendiagrammen. Der Weg von einem
Gleichgewichtszustand zu einem anderen -
z.B. durch
Ändern der Temperatur - bedingt kinetische
Phänomene, es muß
sich im Laufe der Zeit etwas ändern. |
 |
Bleiben wir bei diesem Beispiel! In
anderen Worten; Wir betrachten wieder mal ausschließlich feste
Körper, überwiegend in der Form von Kristallen. |
|
 |
Nichtgleichgewicht kann dann bedeuten, dass zum
Beispiel ein Temperaturgradient vorliegt - der Körper ist beim
Abkühlen außen kälter als innen. |
|
 |
Das ist aber nicht so spannend, wie ein chemisches Nichtgleichgewicht, d.h. es liegen nicht
die Phasen vor, die das Phasendiagramm verlangt. Oder wir haben zuviele
Defekte, zum, Beispiel Leerstellen. |
 |
Damit sich Gleichgewicht einstellen
kann, muss zunächst mal eine einzige
Bedingungen erfüllt sein: |
|
 |
Die Atome des Kristall müssen sich bewegen
können; wir brauchen das Phänomen der Diffusion, das wir schon mal
kurz
angesprochen haben. |
|
 |
Atome müssen im Kristall
"herumhüpfen" können, sonst können sich keinen neuen
Phasen bilden oder sonstige strukturelle Änderungen erfolgen. |
|
 |
Das ist eigentlich trivial - wir haben die beiden
wesentlichen Diffusionsmechanismen ja schon kurz behandelt. Hier wollen wir das
Ganze jetzt sehr viel genauer untersuchen. |
 |
Bewegung von Atomen findet eben auch
in Systemen statt, die schon im thermischen Gleichgewicht sind. Machen wir dazu
einen Gedankenversuch: |
|
|
|
 |
Wir nehmen einem Kristall mit der
für Gleichgewicht genau richtigen Zahl von Leerstellen und
Zwischengitteratomen; er sei im Gleichgewicht, d.h. es ändert sich weder
die Zahl der atomaren Fehlstellen, noch ihre maximal unordentliche (=
statistische) Verteilung. |
|
|
|
 |
Das schließt aber nicht aus, dass sich die einzelnen Defekte bewegen,
dass sie diffundieren. Wir haben uns das
schon mal vom
Prinzip her angeschaut; hier ist nochmals eines der damals verwendeten
Bilder. |
|
|
 |
Wenn in unserem einem Gedankenexperiment jedes
Zwischengitteratom oder jede Leerstelle auf einen beliebigen Nachbarplatz
springt, hat sich weder ihre Zahl, noch die statistische Verteilung
geändert; die freie Enthalpie des ganzen Kristalls - des Systems - bleibt unverändert im Minimum. |
|
 |
Falls wir nun die Temperatur
erniedrigen, muß jetzt für Gleichgewicht die Konzentrationen der
atomaren Fehlstellen fallen. Da sie sich nicht einfach auflösen
können, kann das nur geschehen, indem sie an
"größeren" Defekten wie Korngrenzen oder Versetzungen
absorbiert werden, oder sich zusammenballen, d.h. eine Ausscheidung
bilden. |
|
|
 |
Und dazu dürfen sie sich nicht nur bewegen,
sondern wie oben schon festgehalten, sie müssen es tun! |
|
|
 |
Das Herumhüpfen von atomaren Defekten im
Gitter ist aber immer derselbe
Elementarprozeß - ein Zwischengitteratom "weiß" nicht, ob
sein Kristall im Gleichgewicht ist oder nicht; es hüpft einfach so durchs
Gitter wie es seine lokalen Bedingungen erlauben. Trifft es dabei
zufälling auf eine Korngrenze etc,. bleibt es hängen und
verschwindet. Damit wird sich die Konzentration allmählich abbauen. |
|
|
|
|
|
|
 |
Nun müßte
sich eine wichtige Frage aufdrängen: Exakt dasselbe wird ja auch im
Geichgewicht geschehen! Die Konzentration der atomaren Defekte baut sich ab,
falls sie im Gitter herumhüpfen. Wie kann dann Gleichgewicht , d.h.
konstante Konzentration aufrecht erhalten werden? |
|
 |
Exakt so wie beim
Girokonto,
aus dem immer ein gewisser Betrag pro Zeiteinheit abgehoben wird. Wir haben
immer ein dynamisches Gleichgewicht - was
geschieht ist, dass genau so viele atomare Defekte pro Zeiteinheit erzeugt werden, wie verschwinden. |
|
 |
Wer jetzt schon etwas genauer wissen
will, wie die Erzeugung und Vernichtung von z.B. Leerstellen in realen
Materialien wirklich geschieht,
betätigt den
Link. |
 |
Im folgenden werden wir uns praktisch
nur mit diesem einem Elementarprozeß, dem Platzwechsel von Leerstellen,
Zwischengitteratomen oder anderen Teilchen beschäftigen. Das sieht zwar
zunächst nach einer großen Einschränkung der Gesamtthematik
aus, wird aber doch unverhofft weit führen. |
|
|
© H. Föll (MaWi 1 Skript)