 |
Es ist ziemlich schwierig und zeitraubend eine Landkarte
zusammenzustellen, aber es ist recht einfach, sie zu benutzen - nachdem man einige Regeln und
Konventionen gelernt hat. |
 |
Bei Phasendiagrammen ist es sehr
ähnlich. Es ist sehr schwer, Phasendiagramme zu berechnen, und sehr
aufwendig und zeitraubend, sie zu messen. |
|
 |
Aber wenn man sie erst mal hat, können
Phasendiagramme wie Landkarten benutzt werden. Aber auch dazu muß man
einige Regeln und Konventionen beachten bzw. beherrschen. |
| |
|
|
|
Wir werden hier aber nur die rudimentärsten
Dinge behandeln!
Denn: In Phasendiagrammen steckt sehr viel stark aggregierte Information. Um
sie vollständig auswerten zu können, müßte man viele
Wochen Zeit und Arbeit investieren. Etwas weiterführende Information
findet sich im Rückgrat 2 |
|
|
|
 |
Schauen wir uns an, was geschieht,
wenn man in einem vollständig mischbarem System, wie z.B. dem Ni -
Cu System, eine gegebene
Zusammensetzung von A und B aufschmilzt, und dann erstarren
läßt. |
|
 |
In anderen Worten: Wir gießen eine Legierung in eine Gußform. Jedesmal, wenn ein
Motorblock, eine Turbinenschaufel oder eine Zahnplombe gegossen wird, laufen
solche Erstarrungsvorgänge ab. Allerdings ist nicht gesagt, daß wir
zu jedem Zeitpunkt im Gleichgewicht sind. Um mit Sicherheit immer Gleichgewicht
zu erreichen, müßten wir nämlich extrem langsam
abkühlen. |
 |
Oder wir ziehen einen Kristall aus
der Schmelze, z.B. einen Si - Ge Kristall. |
|
 |
In einem Tiegel, der die flüssige Phase in
der Zusammensetzung co (z.B. x % Ge und (100
- x) % Si enthält, wird ein kleiner "Impfkristall" getaucht
und dann vorsichtig abgekühlt; gleichzeitig wird der Impfkristall langsam
herausgezogen. Wenn man alles richtig macht, kristallisiert Si -Ge am
Impfkristall und man erhält einen langsam wachsenden Kristall. Das ist das
Czochralski
Kristallziehverfahren; es wurde durch einen Zufall
"entdeckt". |
 |
Werfen wir zum Verständnis der
Vorgänge beim l a n g s a m e n Abkühlen einen Blick auf
das (halbwegs realistisch gezeichnete) Si - Ge -
Phasendiagramm |
| |
|
|
|
|
|
|
 |
Betrachten wir
die Zusammensetzung c0 und beginnen von einer (hohen)
Temperatur T ausgehend, die Mischung abzukühlen. |
|
 |
Solange T
³
TL(c0) ist, d.h. gößer als
die Liquidustemperatur bei der Zusammensetzung c0,
wird die Mischung komplett flüssig sein. |
|
 |
Betrachten wir nun die eingezeichnete Temperatur
T1. Das Phasendiagramm weist aus, daß bei
T1 eine Mischung aus einer flüssigen Phase mit
der Zusammensetzung cL1 und einer festen Phase mit der
Zusammensetzung ca1
vorliegt. |
|
 |
Die feste Phase (a - Phase) ist dabei Si - reicher als die
Ausgangszusammensetzung c0, die flüssige Phase
ist Ge - reicher. Es ist aber nur ein Teil des Systems kristallisiert.
Wenn wir komplette Kristallisation haben wollen, müssen wir die Temperatur
weiter erniedrigen. |
|
 |
Tun wir das, können wir zunächst
erwarten, daß der Anteil der festen Phase größer wird, der
Anteil der flüssigen Phase kleiner. Gleichzeitig wird die feste und die
flüssige Phase jetzt Ge - reicher. |
|
 |
Dies bedeutet, daß bei einer
Temperaturerniedrigung relativ zu T1 jetzt zwar etwas
mehr Legierung erstarrt, aber sich die Zusammensetzung
des schon vorhandenen kristallisierten Teils ändern muß:
Die Ge Konzentration muß steigen. In einem Festkörper wird
das nicht so einfach sein; wir brauchen dazu die
Diffusion von Ge
Atomen und zwangsläufig viel Zeit. |
|
 |
Dieser Prozeß dauert an, bis bei
T £
TSol(c0) die Mischung komplett erstarrt
ist mit der globalen Zusammensetzung
c0. |
 |
Es ist aber klar, daß im realen
Experiment unmöglich immer Gleichgewicht vorliegen kann. Kurz bevor wir
TSol(c0) erreichen, ist das
bißchen noch vorhandene Schmelze noch stark mit Ge angereichert;
beim Erstarren müßte sich das überschüssige Ge im
ganzen, bereits erstarrten Kristall gleichmäßig verteilen. |
|
 |
Wir müssen uns also klar machen, was
passiert wenn wir nicht ¥ langsam
abkühlen, sondern in endlichen Zeiträumen. |
|
 |
Bevor wir das aber tun, wollen wir kurz eine
einfache Formel ableiten, die uns erlaubt
den jeweiligen Anteil der festen und flüssigen Phase zu berechnen. |
|
|
 |
Wie groß sind bei einer
gegebenen Temperatur die jeweiligen Anteile der festen und flüssigen
Phase? Auch diese Zahlen erhält man aus dem Phasendiagramm |
|
 |
Kennen wir für eine gegebene
Temperatur die Gleichgewichtskonzentrationen der flüssigen und festen
Phase, können wir ihre relativen Anteile fL und
fa leicht bestimmen |
|
 |
Da die Gesamtkonzentration der festen und
flüssigen Phase immer co sein muß,
gilt |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
 |
Da das gesamte Material in einer der beiden
Anteile enthalten sein muß, gilt weiterhin . |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
 |
Damit erhalten wir da sogenannte
"Hebelgesetz" |
| |
|
|
|
| fa = |
c0 cL
ca
cL |
|
fL = |
ca c0
ca
cL |
|
|
|
|
 |
Warum die Bezeichnung "Hebelgesetz"? Weil obige Formeln eine einfache
graphische Repräsentation in Phasendiagramm haben, die an das Hebelgesetz
der einfachen Mechanik erinnert. |
|
 |
Um das zu sehen bilden wir den Quotienten
fa/fL, d.h. das direkte
Verhältnis der beiden Konzentrationen: |
|
|
fa
fL |
= |
c0 cL
ca
c0 |
= |
cL c0
c0 ca |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
 |
c0
cL (oder cL
c0, je nach "Neigung" der "Linse")
ist aber genau die Strecke entlang der Isotherme von
c0 bis cL, und
ca
c0 (oder c0
ca) ist die entsprechende
Strecke bis ca - siehe
folgende Graphik - wir können diese Strecken als "Hebel" einer
Länge l interpretieren. |
| |
|
|
|
|
|
|
 |
Damit gilt |
|
 |
Das "Gewicht" der flüssigen Phase mal dem
"Hebelarm" der flüssigen Phase muß gleich Gewicht mal
Hebelarm der festen Phase sein. |
|
|
|
|
|
|
|
 |
Dazu müssen wir einige Übungen machen!
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
 |
Was für eine Zusammensetzung hat
unser Gußstück oder unser Kristall, wenn wir nicht ¥ langsam abkühlen bzw. den Kristall aus der
Schmelze ziehen? |
|
 |
Nachdem die flüssige Phase restlos
verfestigt ist, ist die Zusammensetzung natürlich (im Mittel oder global) diesselbe wie in der flüssigen Phase.
Aber ist das Gußstück oder der Kristall homogen? Ist die Zusammensetzung überall
dieselbe? |
 |
Wenn wir nicht genügend Zeit
geben, um den zuerst erstarrten Bereichen zu erlauben, ihre Zusammsetzung
durch Diffusion in den neuen
Gleichgewichtszustand zu bringen, werden wir einen Kristall (oder einen
Gußkörper) bekommen, bei dem die zuerst erstarrten Teile (der obere
Teil des Kristalls oder die Außenseite des Gußkörpers)
Si-reich sind, der untere Teil des Kristalls oder das Innere des
Gußkörpers) sind dafür Ge-reich. Fast nirgends hat der
Festkörper die Zusammensetzung c0. |
|
 |
Denn jedesmal wenn wir jetzt die Temperatur etwas
erniedrigen, starten wir mit einer anderen Zusammensetzung der Schmelze, als es
dem Gleichgewichtsfall entspräche; wir bleiben nicht auf einer
Isoplethe im
Phasendiagramm. |
 |
Das bedeutet, daß wir gar nicht
mehr die Zusammensetzung c0 in der flüssigen
Phase haben. |
|
 |
Im nächsten Schritt müssen wir also
untersuchen was passiert, wenn bei einer weiteren kleinen
Temperaturerniedrigung von T1 nach
T2 jetzt eine Schmelze zur Zusammensetzung
cL1 kristallisiert. |
|
 |
Das Ergebnis ist klar: Beide Konzentrationen
verschieben sich in Richtung Ge-reich. Unser Endprodukt sieht
schematisch so aus wie in der folgenden Graphik gezeigt. |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
 |
Die Konsequenzen dieses Verhaltens
beim Erstarren sind weitreichend: |
|
 |
Auf der negativen Seite vermerken wir, daß es
offensichtlich schwierig sein kann, eine homogene Legierung mit einer festen
und überall konstanten Zusammensetzung zu gießen oder einen
homogenen Kristall zu ziehen. Die Gußtechnik, nach wie vor das Arbeitspferd
der gesamten Metallindustrie, ist nicht so simpel wie man glauben
könnte! |
|
 |
Auf der positiven Seite ist zu konstatieren, daß man
durch diesen Effekt Materialien auch reinigen kann. Gerade bei Si und Ge
wird eine leicht verunreinigte Schmelze oft so erstarren, daß
zunächst nur eine Si- bzw. Ge - reiche a - Phase entsteht, d.h. ein saubereres Material. Die
Verunreinigungsatome bleiben zunächst in der Schmelze. |
|
 |
Diese Technik ist unter dem Namen
"Zonenreinigen" oder "Zonenschmelzen" bekannt und hat in den
frühen Jahren der Halbleiterindustrie eine wichtige Rolle gespielt. |
 |
Damit ist aber nur eine Komplikation zum Thema "Gießen"
angesprochen. Ein weiteres Beispiel dazu, wie kompliziert das simple
"Gießen" sein kann findet sich in
diesem (relativen)
Link (mit Dank an Bob Rapp und "Materials Today" für die
Genehmigung der Verwendung an dieser Stelle; hier der
absolute Link zum
Original). |
 |
Als nächstes wollen wir nun im
folgenden Unterkapitel ein etwas komplizierteres Phasendiagramm
betrachten. |
| |
|
© H. Föll