|
|
 |
Bisher haben wir uns überwiegend
mit kristallinen Materialien
beschäftigt, und Materialeigenschaften meistens als mehr oder weniger
direkte Konsequenz der Kristallinität erklärt. |
|
 |
Ein Phänomen wie die Diffusion
in Kristallen, konnte im Detail auf die Eigenschaften von atomaren Fehlstellen,
insbesondere Leerstellen, in den betrachteten Kristallen
zurückgeführt werden.
Plastische Verformung war gekoppelt an die
Existenz von
Versetzungen. |
 |
Leerstellen, Versetzungen,
Stapelfehler, und all die anderen Kristalldefekte kann es in amorphen
Materialien per Definition nicht geben - es gibt aber sehr wohl Diffusion,
plastische Verformung, Bruch, usw. Damit stellen sich zwei Fragen: |
|
 |
1. Was sind die hinter den
Materialeigenschaft steckenden Mechanismen in all den Fällen, in denen die
in Kristallen wirkenden Mechanismen per Definition nicht greifen
können? |
|
 |
2. Kann man Analogien finden? Es wäre ja sehr wohl
möglich, eine Art Leerstelle auch in
amorphen Materialien zu definieren (z.B. als lokal fehlendes Atom oder als
lokal stark verringerte Dichte). |
 |
Bevor wir uns den amorphen
Materialien und den obigen Fragen widmen, stellen wir kurz einige der Dinge
zusammen, die uns direkt oder indirekt schon begegnet sind |
 |
Bindungen
und aus Bindungen resultierende Materialparameter |
|
 |
Eigentlich haben wir in dem
betreffenden Unterkapitel nirgendwo Gebrauch von
der Kristallinität der betrachteten Materialien gemacht - also müssen
die Schlußfolgerungen im Prinzip auch für amorphe Stoffe
gelten. |
|
 |
Allerdings haben wir bei vielen amophen Stoffen,
insbesondere bei Polymeren, ein Gemisch
ganz verschiedener Bindungen vorliegen:
Sehr starke, z.B. Kohlenstoff -
Kohlenstoffbindungen entlang einer Polymerkette, und sehr schwache, z.B.
van der Waals
Bindungen zwischen den Ketten. |
|
 |
Sofern die Bindungslänge und -stärke
eine Rolle spielt, nimmt man entweder einen (eventuell gewichteten) Mittelwert
oder die für das betrachtete Phänomen dominierende Bindung. |
|
 |
Die maximale Bruchspannung wird z.B.
möglicherweise nicht durch den Mittelwert der Bindungen bestimmt, sondern
nur durch den Wert der schwächsten
vorkommenden Bindung. Ähnlich beim E - Modul: Die schwächste
Bindung mag dominieren - oder wir müssen ein amorphes Material als
Verbundwerkstoff
behandeln. |
 |
Wir haben aber auch schon eine
große Ausnahme gesehen: Der E-Modul von Elastomeren (Gummi) ist
nicht
durch das
"Langziehen" von Bindungen zu erklären! |
|
 |
Hier brauchen wir ganz spezielle Thermodynamik;
der Schlüssel zur Gummielastizität ist die Entropie. |
 |
Diffusion |
|
 |
Niemand wird bezweiflen, daß auch in einem
Glas Diffusionsvorgänge stattfinden können. In aller Regel gelten
nicht nur die Fickschen Dffusiongesetze, sondern
auch der gemessene Diffusionskoeffizient zeigt typisches
Arrheniusverhalten, d.h.
repräsentiert einen
thermisch
aktivierten Prozeß und ist durch die folgende Gleichung darstellbar
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
 |
Es liegt nahe, ein Analogon zum
Leerstellendiffusionsprozeß zu suchen. Das mag auch häufig
gerechtfertigt sein - aber häufig auch nicht. In amorphen Materialien gibt
es mit Sicherheit Diffusionsprozesse, die kein direktes Analogon in Kristallen
haben und trotzdem thermisch aktiviert
ablaufen. |
|
 |
Hier ist noch vieles unklar. Diffusion in
amorphen Materialien ist ein wachsendes and sehr aktives Gebiet der laufenden
Materialforschung. |
 |
Verformung
und Bruch |
|
 |
Selbst wer sich noch etwas Leerstellenartiges in
Polymeren vorstellen kann, erleidet Schiffbruch mit etwas
"Versetzungsartigem" (Ausnahme: Versetzungen in
Quasikristallen). Plastische Verformungsmechanismen müssen deshalb ganz
anders als in Kristallen verlaufen. |
|
 |
Für den Sprödbruch, andererseits, können die alten
Mechanismen im Prinzip weiter verwendet werden. |
 |
Wir haben aber auch etwas neues: Im
Zugversuch werden wir Verhalten beobachten,
wie wir es von Metallen gar nicht kennen. |
|
 |
Dies gilt sowohl für die Form der Kurven,
als auch und insbesondere für ihre Zeit- und
Temperaturabhängigkeiten. |
 |
Bevor wir uns jedoch mit den
Eigenschaften von amorphen Stoffen beschäftigen, müssen wir zuerst
ihre Struktur näher betrachten. |
|
|
|
 |
Am einfachsten stellt man sich
Gläser als verhinderte Kristalle vor. Unser altes Bild aus
Kapitel 3 kann
das auch hier gut illustrieren |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
 |
In diesem Beispiel wurde
SiO2 überdies (sehr schematisch) noch durch den Einbau
von Glasbildnern - möglichst schlecht
passenden Ionen im Zwischengitter - an der Kristallisation gehindert.
Gebräuchlich sind Na, Li, Mg, B, Ca und
Pb. |
 |
Das ist das Grundprinzip der mehr
chemisch stabilisierten Gläser. In der
Regel ist das Ausgangsmaterial SiO2, man kann aber
Gläser auch auf der Basis anderer Oxide produzieren, z.B.
GeO2, ZrO2,
P2O5, B2O3. |
 |
Es gibt aber auch Elemente, die normalerweise amorph-glasartig sind.
Das sind insbesondere die
Chalkogene, die
aufgrund ihrer nur zwei verfügbaren Bindungen zur
Bildung von Ketten neigen. |
|
 |
Auch hier ist die "Chemie"
entscheidend. Zwar wäre der kristalline Zustand vielleicht etwas
günstiger, aber der Glas - Kristall Übergang würde die
Umlagerung von so vielen Atomen erfordern, daß er praktisch nie
stattfindet (zumindest nicht bei niedrigen Temperaturen). |
 |
Vor ca. 30 Jahren wurde das
Spektrum der Gläser stark erweitert: Es gelang, amorphe Metalle oder
metallische Gläser herzustellen.
|
|
 |
Das Rezept ist einfach - und funktioniert
für sehr viele normalerweise immer kristalline Materialien: Kühle
eine Schmelze des Materials sehr schnell ab
- mit (104 - 105) oC/s.
Damit wird die im flüssigen Zustand vorhandene Struktur
eingefroren - wir haben ein
kinetisch stabilisiertes Glas. |
|
 |
Es ist nur stabil (bei tiefen Temperaturen) weil
beim Abkühlen nicht einmal so viel Zeit (bzw. thermische Energie) zur
Verfügung stand, um die Atome nur ein bißchen in andere Positionen
zu bringen, und weil bei Raumtemperatur die thermische Energie dazu nicht
ausreicht. Leider ist man dabei auf dünnen Bänder begrenzt, weil man
aus dicken Proben die Wärme einfach nicht schnell genug
herausbekommt. |
 |
Metallische Gläser haben
Eigenschaften, die von ihrem kristallinem Zustande stark verschieden sein
können. Erste Anwendungen betreffen vor allem magnetische
Eigenschaften. |
|
 |
Zwischenzeitlich sind weitere Verfahren bekannt,
mit denen man normalerweise kristalline Materialien amorph herstellen (oder
machen) kann - allerdings nur in dünnen Schichten oder als Pulver. Die
Mikroelektronik benutzt zum Beispiel amorphes
Si, das entweder durch spezifische Abscheideverfahren
("Sputtern" oder "CVD") von
vornherein amorph entsteht, oder durch Beschuß von kristallinem Si
mit energiereichen Ionen ("Ionenimplantation") einfach
"kaputt" gemacht wird. |
|
 |
Ganz neu sind metallische Volumengläser - spezifische
Legierungen, die auch in cm3 Größen amorph
bleiben; sie sind noch im Stadium der Grundlagenforschung. Heute aber ist schon
klar: Ihre plastischen Eigenschaften sind ganz
anders als im kristallinem Zustand. Sie sind sehr viel härter
und nicht stark verformbar - was uns nicht wundern sollte. |
|
 |
Letztlich kann man auch die
Quasikristalle zu
den amorphen Stoffen zählen, denn sie sind schließlich nicht
kristallin - aber auch nicht so richtig amorph. |
 |
Etwas
mehr Informationen
über diese neuen Glassorten enthält ein eigener Modul |
|
|
 |
Als
Polymere bezeichnen wir alle Materialien, die aus dreidimensionalen Anordnungen langer
Molekülketten bestehen. |
|
 |
Die einzelne Molekülkette
wiederum ist eine Sequenz von aneinander gereihten Monomeren. |
|
 |
Außerdem lassen wir noch
Vernetzungen zu, Verbindungen zwischen zwei
Ketten. |
 |
Im Grunde sind nur zwei Grundsorten
von Polymeren von Interesse: |
|
 |
Silikone mit der Grundstruktur |
 |
Die "eigentlichen", kohlenstoffbasierte
Polymere mit der
Grundstruktur |
|
|
|
|
|
|
R1
| |
R2
| |
R1
| |
R2
| |
|
|
|
|
R1
| |
R2
| |
| Si |
Si |
Si |
Si |
|
|
Das Monomer ist |
|
Si |
Si |
|
R3 |
|
R4 |
|
R1 |
|
R4 |
|
|
|
|
|
R3 |
|
R4 |
|
|
Rx
| |
Rx
| |
Rx
| |
Rx
| |
|
|
|
|
Rx
| |
| C |
C |
C |
C |
|
|
Das Monomer ist |
|
C |
|
Ry |
|
Ry |
|
Ry |
|
Ry |
|
|
|
|
|
Ry |
|
|
|
|
|
|
|
 |
Die R1 4
bzw. Rx,y sind irgendwelche "Reste" verschiedenster
Art, die an den Bindungen hängen können - vom simplen H - Atom
bis zu komplexen Molekülen. Selbstverständlich sind auch
größere Monomere möglich. Weiterhin sind auch alternierende
Einfach - Doppelbindungen etc. möglich, oder wie man besser sagt,
konjugierte Polymere;
also z.B. |
|
|
|
|
|
Rx
| |
|
Rx
| |
| C == |
C |
C == |
|
|
Rx |
|
Rx |
|
|
|
|
|
 |
Obwohl auch Silikone
reizvolle und
darüber hinaus wichtige Anwendungen
haben, führen sie doch ein bescheidenes Schattendasein verglichen mit den
Kohlenstoffpolymeren. Der Grund liegt in der viel geringeren Stabilität
und in den dadurch stark eingeschränkten Eigenschaften. |
|
 |
Wir werden uns hier nur mit den
Kohlenstoffpolymeren beschäftigen,
obwohl einige allgemeine Erkenntnisse auch für die Silikone
zutreffen. |
 |
Zunächst machen wir uns klar,
daß das einfache Bildungsrezept von oben eine ungeheuerliche Vielfalt von
Konformationen zuläßt - selbst
wenn wir die komplexeren Polymerverbünde, die häufig Gegenstand der
Biologie sind, noch außen vorlassen. |
| |
|
|
© H. Föll (MaWi 1 Skript)