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Bisher haben wir implizit immer die
mechanischen Eigenschaften homogener
Körper betrachtet. Das ist nicht besonders realistisch. Sowohl in der
Technik als auch in der Natur finden wir oft inhomogene Materialien. Viele
davon sind gezielt erzeugte Verbundwerkstoffe. |
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Bevor wir uns der allgemeinen Beschreibung von Spannungs- und
Dehnungszuständen widmen, wollen wir deshalb erst noch schnell sehen, wie
man die elastischen Eigenschaften eines Verbundwerkstoffs aus den elastischen
Eigenschaften seiner Konstituenten bestimmt. |
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Verbundwerkstoffe (engl. compounds) nennen wir alle
Materialien, die aus mindestens zwei verschiedenen Phasen oder Komponenten
bestehen. Es gibt natürliche und künstliche Verbundwerkstoffe; zum
Beispiel: |
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Natürliche
Verbundwerkstoffe:
- Holz - Lange
Zellulosefasern in einer Matrix aus Zellulose/Lignin (es lohnt sich, den
"Holzartikel" im "Ashby und Jones" zu lesen
- Granit - ein Gemisch aus
Feldspat, Quarz und meist dunkler Minerale wie Glimmer, Hornblende, Pyroxen.
- Wirbeltiere - ein
Verbund aus harten Knochen und weichem Gewebe.
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Künstliche
Verbundwerkstoffe:
- Damaszenerstahl -
ein Gemisch von weichem und harten Eisen (Stahl), von den Kelten schon ca.
500 v.Ch. erfunden (nicht in
Damaskus!).
- Reflexbogen; engl.
"compound bow" (= Verbundbogen), ein Bogen aus verschiedenen
Holzsorten und Horn; dem einfachen Holzbogen überlegen.
- Beton (gab es schon bei
den Römern; die Kuppel des Pantheon, immer noch eine der
größten Kuppeln der Welt ist aus einer Art Beton). Beton ist ein
Gemisch aus größeren harten Kieselsteinen in einer Zementmatrix, die
deutlich andere mechanische Eigenschaften hat als die Steine.
- Stahlbeton - d.h.
Stahlstäbe oder -geflecht eingebettet in Beton.
- "GFK" und
"CFK", d.h.
Glasfaser oder Carbonfaser eingebettet in Kunststoff. Das Airbus Leitwerk ist
das prominenteste Beispiel des high-tech Einsatzes von CFK Materialien.
- Ein Kristall
mit Ausscheidungen einer anderen Phase - d.h. so gut wie jede
Legierung.
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Verbundwerkstoffe, in dieser breiten
Definition, sind die reale Welt. Was sind
die mechanischen Eigenschaften eines Verbundwerkstoffs? Können wir sie aus
den mechanischen Eigenschaften der Komponenten ableiten? |
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Wenn man die Fülle an verschiedenartigen
Beispielen anschaut, scheint dies ein hoffnungsloses Unterfangen zu sein. Dem
ist aber nicht so, falls wir uns auf elastisches Verhalten beschränken - plastisches
Verhalten oder Bruch ist in der Tat nicht ganz einfach darstellbar. |
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Wir können mit jedem Verbundwerkstoff einen
Zugversuch machen. Das Ergebnis wird jetzt möglicherweise davon
abhängen, in welche Richtung wir
ziehen - z.B. parallel oder senkrecht zu den Fasern eines GFK Materials.
Wir können aber in jedem Fall den elastischen Bereich definieren
(Verformung vollständig reversibel) und einen E-Modul
EV = ds/de sowie eine Querkontraktionszahl nV des Verbundmaterials angeben; oder
alternativ Kompressionsmodul und Schermodul. |
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Die gute Nachricht dazu ist, daß
EV in einfachster Weise von den E-Moduls
der beteiligten Materialien abhängt - es ist völlig analog zur
Reihen- und Parallelschaltung von Widerständen. |
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Betrachten wir zunächst einen
idealisierten Verbundwerkstoff: Harte Fasern (d.h. großer
E-Modul) in einer weichen (kleiner E-Modul) Matrix.
Die Fasern sollen alle parallel und gerade durch die Matrix laufen. |
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Das sieht dann so aus: |
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Die Fasern haben einen E-Modul
EF, die Matrix hat EM; es ist
EF > EM. |
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In der Aufsicht haben die Fasern eine gesamte
Querschnittsfläche AF relativ zur betrachteten
Gesamtfläche A. |
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In unserer einfachen Geometrie ist damit
VF, der Volumenanteil der Fasern, gegeben durch
VF = AF/A. |
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Wir machen jetzt zwei Zugversuche:
Einmal parallel, und einmal senkrecht zu den Fasern. Dabei setzen wir nur
voraus, daß die Haftung der Fasern in der Matrix so gut ist, daß
der Verbundwerkstoff zusammenhält, d.h. daß wir nicht zum Beispiel
nur die Fasern aus der Matrix ziehen. |
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Wir betrachten beide Versuche
parallel |
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Zugversuch
parallel zur Faser |
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Zugversuch
senkrecht zur Faser |
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Bedingung: Die Dehnung e ist auf jeder Querschnittsfläche gleich
groß |
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Bedingung: Die Spannung s ist auf jeder Querschnittsfläche gleich
groß. Falls das schwer einzusehen ist: Die "Schneideprozedur" anwenden |
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Die Spannung
muß auf der Querschnittsfläche variieren - um die Fasern um e zu dehnen muß man auf der
Faserquerschnittsfläche mehr Kraft anwenden als auf einer
gleichgroßen Fläche der Matrix |
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Die Dehnung variiert. Die
Fasern werden weniger stark gedehnt als die Matrix |
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In Formeln haben wir |
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In Formeln haben wir |
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| e |
= eF = eM |
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| sF |
= EF · e |
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| sM |
= Em · e |
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da sich die gesamte Dehnung als Summe der Dehnung
in den relativen Volumenanteilen von Faser und Matrix darstellt. |
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Wir machen jetzt einen kleinen Umweg und
berechnen die Kraft F, die auf die gesamte
Querschnittsfläche wirken muß |
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Mit VM = 1
VF ergibt sich
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| F = |
sF · AF |
+ sM · (A
AF) |
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| e = VF ·
eF + (1 VF)
· eM |
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Die auf die Querschnittsfläche wirkende
effektive Spannung sVB ist dann einfach
F/A, oder
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Die Dehnungen lassen sich über den E-Modul als
Spannungen ausdrücken, wir haben |
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| sVB = |
sF · AF
A |
+ sM · |
A AF
A |
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| e = |
VF · s
EF |
+ |
(1 VF ) · s
EM |
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Mit den Beziehungen sF,M = e ·
EF,M, und AF/A =
VF, erhalten wir |
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oder |
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| sVB = e · |
æ
è |
EF · VF +
EM · (1 VF |
ö
ø |
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| e = s
· |
æ
è |
VF
EF |
+ |
1 VF
EM |
ö
ø |
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Der Ausdruck in der Klammer ist natürlich
nichts anderes als der effektive
E-Modul Epa des Verbundwerkstoffs
parallel zur Faser. Wir haben also als Endergebnis |
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Der Ausdruck in der Klammer ist natürlich nichts anderes
als der reziproke effektive
E-Modul Ese des Verbundwerkstoffs
senkrecht zur Faser. Wir haben also als Endergebnis |
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Epa = EF · VF +
EM · (1 VF)
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Wir haben also für die beiden Extremfälle den
effektiven E-Modul
des Verbundwerkstoffes, d.h. den E-Modul, der sich
experimentell aus einem Zugversuch ergibt, als Funktion der drei Grundvariablen
E-Module der Komponenten und Volumenanteil einer Komponente
ausgerechnet. |
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Wie schon angekündigt, sind die
Formeln identisch zu den Formeln für Gesamtwiderstände bei Reihen-
und Parallelschaltung. Das ist natürlich kein Zufall, sondern
unvermeidlich, denn das Ohmsche Gesetz U = R ·
I und das Hookesche Gesetz s =
E · e sind nicht nur mathematisch
identisch sondern auch physikalisch sehr ähnlich: Eine "treibende
Kraft"; eine allgemeine Ursache, bewirkt in linearer Weise eine
"Antwort". |
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Reale Verbundwerkstoffe sind nicht so
ideal ordentlich wie unsere obige Modellsubstanz. Beispielsweise kann folgendes
passieren: |
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Die Fasern laufen nicht gerade durch
die Matrix, sondern gekurvt. Sie sind nicht beliebig lang, sondern haben
irgendeine Längenverteilung. Es sind gar keine Fasern, sondern
irgendwelche dreidimensionalen Körper, z.B. Kieselsteine im Zement. |
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Was bekommen wir dann? |
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Schauen wir uns dazu
die beiden obigen Formeln in einer (schematischen) graphischen Darstellung
an: |
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Jetzt stellen wir uns Variationen der
berechneten Strukturen vor, z.B. Fasern die unter irgendeinem Winkel zur
Zugrichtung verlaufen, also weder parallel noch senkrecht. |
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Der Verlauf von
EVB muß dann irgendwo zwischen der roten und der
blauen Kurve liegen, denn diese geben die jeweiligen Extremwerte - den
größt- und kleinstmöglichen Modul - für eine gegebene
Zusammensetzung |
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Und das gilt für jede denkbare Konfiguration von Matrix und
"Fasern". Der E-Modul liegt für eine gegebene
Zusammensetzung im gelben Feld. |
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Wo genau - das wissen wir nicht. Dazu
müßte man für die gegebene Struktur Rechnungen anstellen, die
in der Regel nicht ganz einfach sind. |
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Trotzdem sind unsere simplen Formeln
bemerkenswert. Sie sagen uns nicht nur was überhaupt möglich ist,
sondern auch wie man optimiert; d.h. ob
Variationen von Formen und Strukturen den E-Modul in Richtung
größer oder kleiner ändern werden. |
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© H. Föll (MaWi 1 Skript)