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Im Grunde müssen wir nur
vier grundsätzliche
Polarisationsmechanismen
anschauen: |
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Grenzflächenpolarisation.
Grenzflächen wie Korngrenzen, Phasengrenzen usw. sind oft geladen und
enthalten unkompensierte Dipole - schon weil es zum Beispiel in Ionenkristallen
gar nicht anders geht. Wer's nicht glaubt, betätigt diesen
Link.
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Atompolarisation,
manchmal auch elektronische
Polarisation genannt. Ein elektrisches Feld zieht immer die
"Elektronenwolke" eines Atoms in eine Richtung, und den Atomkern in
die andere. Als Effekt liegen die Ladungsschwerpunkte nicht mehr aufeinander -
ein elektrisches Dipolmoment wird induziert. |
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Ionische
Polarisation.
In diesem Fall muss die Bindung einen ionischen Anteil haben, d. h. die Atome
sind mehr oder weniger geladen. Was dann im Prinzip passiert, haben wie
schon angeschaut: Die vorhanden
Dipole werden größer oder kleiner, heben sich also nicht mehr
perfekt gegenseitig auf. Es wird ein Netto Dipolmoment induziert. |
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Orientierungspolarisation.
Funktioniert erstmal nur mit
Flüssigkeiten
die aus "polaren" Molekülen bestehen, d. h. aus Molekülen
mit einem festen Dipolmoment, wie z. B. H2O. In einer
Flüssigkeit kann sich das Dipolmoment mit dem Molekül in alle
mögliche Richtungen drehen; bei Wasser ohne elektrisches Feld mit wild
herumwirbelnden Wassermolekülen werden auch alle Richtungen mit gleicher
Wahrscheinlichkeit vorkommen. Mit elektrischem Feld werden die Dipolmomente
alle etwas in Feldrichtung gedreht; wiederum wird ein Netto Dipolmoment
induziert. |
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Das war's im Großem und Ganzen.
Der 4. Mechanismus, die Orientierungspolarisation, interessiert uns hier aus
zwei Gründen, obwohl wir uns sonst
eher nicht mit Flüssigkeiten abgeben: |
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- Er ist in (mathematisch) exakt identischer Weise der wichtigste Mechanismus
wenn wir nicht elektrische, sondern magnetische Dipole anschauen, d.h. magnetische
Materialien betrachten. Deshalb nehmen wir ihn hier mal mit.
- Er steckt hinter dem, was in der "Mikrowelle" so passiert. Und das sollte der
ET&IT Ing. seinem Gspusi oder der Verwandschaft schon erklären
können.
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Jetzt schauen wir uns diese
Mechanismen noch etwas im Detail an: |
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Grenzflächenpolarisation ist
wichtig aber kann nicht einfach berechnet werden - es hängt halt von
vielen Dingen ab. |
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Dielektrika mit großer
Suszeptibilität bzw. Dielektrizitätskonstanten in
"billigen" Kondensatoren nutzen die Grenzflächenpolaristion in
zusammengesintertem Zeugs mit kleinen Körnern und daher viel
Grenzflächen. |
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Sie sind "billig" weil ihr
Frequenzverhalten, Durchbruchsverhalten, und sonstige Qualitätsmerkmale
nicht Spitze sind. Und das liegt auch am Dielektrikum! |
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In integrierten Schaltungen sind Ladungen an den
vielen Grenzflächen - die Ursache für die
Grenzflächenpolarisation - oft absolut tödlich. Ein Großteil
der Forschung und Technik im Bereich Mikroelektronik oder Solarzellen dreht
sich um dieses Phänomen, das dann allerdings üblicherweise unter
anderen Bezeichnungen läuft. |
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Mehr dazu brauchen wir erstmal nicht
zu wissen. |
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Wenn wir ein stark vereinfachtes
sphärisches Atom in ein elektrisches Feld stecken, bekommen wir
sowas: |
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Die Elektronenhülle hat's etwas nach links,
den Atomkern etwas nach rechts gezogen, die Ladungsschwerpunkte liegen jetzt um
ein x auseinander - damit ist ein Dipolmoment
z · e · x induziert (z = Ordnungszahl, e
= Elementarladung). |
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Das Feld E zieht die Ladungen
auseinander, die Coulombwechselwirkung zieht zurück; es ist als ob die
Ladungen durch eine Feder gekoppelt sind.
Das Kräftegleichgewicht bestimmt wie groß x sein wird. Ohne groß zu rechen können wir
für x << R (d. h. sehr viel
kleiner als die Atomröße) annehmen, dass x µ E sein
wird. |
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Damit können wir drei wichtige Schlussfolgerungen ziehen:
- Atompolarisation funktioniert immer.
Ein Teil der Suszeptibilität / Dielektrizitätskonstante jedes Materials kommt von diesem
Polariationsmechanismus.
- Wir haben, was wir ja wollten,
"bewiesen", dass für die Atompolarisation P
µ E gilt.
- Wir haben außerdem den Frequenzgang schon im Prinzip bestimmt: Wenn
wir ein elektrisches Wechselfeld mit der Kreisfrequenz w = 2pn anlegen, wackeln wir periodisch an einer kleinen
Masse (die der Elektronenwolke), die über eine Feder an einem sehr
schweren Gegenstand (dem Atomkern) hängt. Bei irgendeiner Frequenz sollte
dann Resonanz auftreten - die
Schwingungsamplitude wird groß!
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Wie wichtig ist die Atompolarisation
in der Praxis? Anders gefragt, bei welchen Materialien ist die
Suszeptibilität / Dielektrizitätskonstante
überwiegend durch diesen Mechanismus bestimmt? |
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Wir merken uns nur zwei Punkte dazu:
- Bei halbwegs sphärischer Verteilung der Elektronen um ein Atom ist der
Mechanismus sehr schwach. Die
Dielektrizitätskonstante der Edelgase ist z.B. nur unwesentlich
größer als 1.
- Bei nicht-sphärischer Verteilung der Elektronen, wie z. B. in den
kovalenten
Bindungen aller relevanten Halbleiter, ist der Effekt sehr stark!
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Die Suszeptibilität /
Dielektrizitätskonstante
von Halbleitern wie Silizium
kommt überwiegend von der Atompolarisation |
er(Si) = 12
er(Ge) = 16 |
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Dieser Polarisationsmechanismus wirkt
primär in Ionenkristallen wie NaCl oder LiF, aber auch in
allen Kristallen mit ionischer Komponente wie
SiO2 oder so
gut wie allen anderen Oxiden (die Sauerstoffatome binden die Elektronen fast
immer etwas fester als der Rest, sind also netto etwas negativ geladen). |
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Wie zuvor gilt: das Feld zieht die
vorhandenen Dipole auseinander oder drückt sie zusammen - es wird ein
Netto Dipolmoment induziert. Das Feld zieht oder drückt dabei gegen die
"Bindungspotentialfeder"! |
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Aha -
das haben wir
gehabt! Die "Federkonstante"
einer Bindung war Y · a, mit Y =
Elastizitätsmodul, wie wir
ihn hier nach englischem Vorbild ("Youngs Modulus")
nennen wollen um Verwechslungen mit dem Buchstaben "E"
für das elektrische Feld auszuschließen; a ist der
Bindungsabstand oder ungefähr die
Gitterkonstante. |
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Wir können damit sogar
berechnen mit welcher Kraft F
an einem Ion mit Ladung q gezogen wird, und bei welcher
Auslenkung x Kräftegleichgewicht
herrschen wird. Wir haben (immer nur mit Beträgen der Kräfte) |
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| Feldkraft auf Ladung: |
Felek |
= |
q · E |
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| Rückziehende Bindungsfederkraft: |
FBindg |
= |
Y · a ·
x |
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| Kräftegleichgewicht zur Auslenkung x |
Y · a · x |
= |
q · E |
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| Þ Auslenkung
|x| |
|x| |
= |
q · E
Y · a |
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Damit können wir jetzt hergehen,
und im Prinzip die DK oder die
Suszeptibilität
von Ionenkristallen berechnen. |
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Tun wir aber nicht sondern nehmen nur zur
Kenntnis: der Effekt kann groß sein - Ionenkristalle haben
verhältnismäßig große Suszeptibilitäten - siehe die
Tabelle. |
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Was aber auch ohne Übung jetzt
klar sein sollte: Im dielektrischen Verhalten der Materie steckt schon jetzt
die "Mechanik" und "Thermodynamik" - Bindungspotentiale,
Elastizitätsmodul, mittlere Geschwindigkeiten - wir haben das alles nicht
nur aus Jux und Tollerei gelernt. |
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Das Modell für diesen
Polarisationsmechanismus ist Wasser - H2O. Schauen wir uns
das "Wasserbild" nochmal genauer an: |
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Was wir sehen ist eine
Momentaufnahme mit
ganz kurzer
Belichtungszeit. Die Wassermoleküle sind in ständiger Bewegung -
sie laufen und rotieren; wir
wissen im Prinzip
sogar wie schnell! Ja? OK - Zeit für eine Übung |
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Das Dipolmoment eines
Wassermoleküls ist übrigens 1,84 Debye.
(1 Debye = 3,33564 · 1030 Cm; warum soll immer nur
ich blöde alte Zahlenangaben umrechnen?
Mach's mal selber! |
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Die wassereigenen Dipole führen
also einen rasenden Tanz auf: ihr Dipolmoment macht einen "random walk"
bezüglich der Richtung und des Ortes. Die Vektorsumme aller Dipolmoment
wird sich sehr exakt zu Null addieren. |
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Schalten wir jetzt ein elektrisches Feld ein,
wird der Dipol versuchen, sich in Feldrichtung auszurichten, denn daduch
gewinnt er Energie. Anders ausgedrückt. Sein pos. Kopf will sich so nahe
als möglich zum negativen Feldpol orientieren, denn er wird von ihm
angezogen, sein negativer Hintern aus denselben Gründen zum Positivpol.
Dazu muss der Dipol rotieren. |
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Dazu hat er aber nicht viel Zeit. Sobald das
Molekül wieder mit einem Kollegen kollidiert, haut's den Dipol wieder in
eine Zufallsrichtung. |
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Der Nettoeffekt bei realen
Flüssigkeiten und realen Feldstärken (maximal um 10 MV/cm) ist
einerseits sehr klein, d.h. die Vektorsumme ist nur leicht von Null
verschieden, anderseits groß genug, um große Suszeptibilitäten
zu machen - Wasser hat schließlich eine Dielektrizitätskonstante um
die 80! Es sieht schematisch etwa so aus: |
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| Ohne Feld |
Mit Feld |
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Die Berechnung der
Orientierungspolarisation ist zwar nicht besonders schwierig, aber mathematisch
durchaus trickreich. Was wir tun müssen ist klar: Wir
minimieren wie immer
einfach die freie Energie des Systems um den Gleichgewichtszustand zu
finden. |
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Die Ausrichtung der Dipole im
Feld "bringt" Energie, aber "kostet" Entropie, denn ein
System mit ausgerichten Dipolen ist zweifelsohne ordentlicher als eines mit
statistisch verteilten Dipolen. Wer wissen will, wie's geht, betätigt den
Link. |
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Was rauskommt ist. |
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| P |
= |
N · <m> |
= |
N · L(b) |
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| L(b) |
= |
coth (b) |
1
b |
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| b |
= |
m · E
kT |
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L(b)
heißt Langevin
Funktion, sie kommt in Problemen dieser Art häufig vor. Die
Größen sind N = Dichte der Dipole /
Wassemoleküle, <m> = Vektormittel der Dipolmomente, also P
· V. Das Ganze sieht so aus: |
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Die Kurve zeigt quantitativ L(b); durch einfaches Umsaklieren der Achsen erhält
man aber exakt dieselbe Kurve für die Polarisierung als Funktion der
Feldstärke. |
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Bei realistischen Feldstärken
(unter ca. 10 MV/cm) und Temperaturen liegt man ganz in Anfangsbereich
der Kurve - zwischen b = 0 und b < 1. |
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Per Reihenentwicklung usw.
bekommt man als gute Näherung für die mittlere Polarisation
P |
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Der Faktor N · m2 · E / 3kT wäre
also die Suszeptibilität
c = er
1. Wir haben damit im Prinzip die Dielektrizitätskonstante von
Wasser ausgerechnet und außerdem gezeigt, dass in guter Näherung die
Polarisation proportional zur Feldstärke ist. |
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Wir haben auch verstanden, warum eine bisher rein
elektrische Größe wie die DK jetzt "plötzlich"
temperaturabhängig wird! |
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© H. Föll (MaWi für ET&T - Script)