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Wir erinnern uns: Das Prinzip mit dem ein System
"entscheidet" was es tut ist: Finde die
optimale Balance zwischen minimaler Energie E und maximaler Unordung
S. |
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Weiterhin ist möglichst viel
Unordnung bei höheren Temperaturen wichtiger als bei tiefen. Um das alles
möglichst einfach in eine Formel zu packen, definieren wir jetzt eine neue
Zustandsgröße, die
freie Energie G wie folgt: |
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Puristen sagen an dieser
Stelle übrigens nicht "Energie" sondern "Enthalpie", und auch nicht "freie
Energie" sondern "freie
Enthalpie"; ET&IT Studis dürfen die feinen
Unterschiede zwischen Energie
und Enthalpie
aber ignorieren. |
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Das Prinzip ist also sehr einfach:
Nehme die gesamte innere Energie U des System und subtrahiere die
Unordnung (= Entropie S) mal absoluter Temperatur
T. |
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Nimmt bei konstanter Energie U und
Temperatur T die Unordnung zu, wird G kleiner
(außer bei T = 0 K). Nimmt bei konstanter Unordnung
S und Energie U die Temperatur T zu,
wird G kleiner - usw. |
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Aber: Nimmt
bei konst. T die Unordnung S um ein DS zu, aber nur wenn die Energie
U auch um ein DU zunimmt, wird G
größer oder kleiner, je nach Temperatur und der Verknüpfung der
DU und DS. Für irgendein DS (oder, über die Verknüpfung
DU) wird G aber ein
Minimum haben müssen |
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Einfach und allgemein gilt schlicht
und ergreifend: |
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Ein System ist im (thermodynamischen)
Gleichgewicht
sobald die freie Energie G minimal ist. |
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Diese Bedingung spiegelt exakt das wieder, was
eingangs gesagt wurde: Finde die optimale Balance
zwischen minimaler Energie U und maximaler Unordung
S |
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Man kann das auch so formulieren:
Für alle Prozesse, die von selbst ablaufen, d. h. ohne dass von
außen Energie zugeführt wird oder sowas, gilt: |
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Die xi sind dabei die
Variablen des Systems, z. B. die Zahl der Leerstellen, die Temperatur, was auch
immer. |
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Diese Gleichung ist auch eine Formulierung des
2. Haupsatzes. Es gibt sehr bekannte Wissenschaftler, die diese
Gleichung für eine der fundamentalsten Aussagen über die Welt und das
Universum halten. |
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Da alle auftretenden
Größen exakt definiert sind, können wir damit rechnen! Wie das geht schauen wir uns gleich mal
an: |
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Für unsere n Leerstellen in einem Kristall
aus N Atomen ist die freie Energie eine Funktion der Grundenergie
U0 des Kristalls (= Energie des perfekten Kristalls),
der variablen Zahl n der
Leerstellen, der Zahl N der Kristallatome, und der Temperatur
T. Wir haben G = G(n;
U0, N, T) = G(n), da wir
U0, N und T nicht als
Variable betrachten, sondern als Parameter,
die das System "Kristall bei T" beschreiben. |
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Nimmt man die
bereits berechnete Entropie für
das Problem, die ebenfalls bekannte Tatsache, dass man zur Bildung von
n Leerstellen die Energie n ·
EF braucht (EF ist offenbar die
Bildungsenergie
einer Leerstelle), bekommt man für die
freie Energie des Problems: |
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| G(n) |
= |
E0 + n ·
EF kT · ln |
N!
n! · (N n)! |
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Alles was wir nun tun müssen, um
die Gleichgewichtskonzentration cGG = n(T) /
N der Leerstellen zu erhalten, ist das Minimum von G
bezüglich der Variablen n zu fiinden. Das berechnen wir, wie
immer, über |
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Jetzt wär's natürlich gut, wenn man
(und frau) wüsste, wie man Fakultäten ableitet. y = x! - was
ist dy/dx? |
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Da "uns" das wahrscheinlich erhebliche
Mühen macht, verschieben wir die Mathematik des Problems (es ist nur noch Mathe!) auf das nächste
Unterkapitel |
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Hier schauen wir uns die
Mächtigkeit des Prinzips "Minimiere die
freie Energie" erst mal noch qualitativ an. |
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Betrachten wir ein erstes rein
qualitatives Beispiel für die großen Möglichkeiten, die in der
freien Energie steckt. Wir vergleichen die freien Energie eines beliebigen
Materials im festem und flüssigem Zustand, wobei wir zunächst mal
annehmen, daß beide Zustände bei allen Temperaturen existieren könnten. |
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Die einzige Variable, die wir zulassen, ist die
Temperatur T; wir haben also
G = G(T). |
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In beiden Zuständen oder Phasen ist der Faktor T · S = 0
für T = 0. Da die Flüßigkeit aber immer der
unordentlichere Zustand ist, hat sie bei
jeder endlichen Temperatur eine größere Entropie als der feste
Zustand; T · S wird von 0 beginnend für die
Flüssigkeit also schneller mit
T anwachsen müssen als für den festen Zustand. |
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Die innere Energie U, ist im
flüssigen Zustand ebenfalls immer größer als im festen Zustand (Bindungen
sind nicht abgesättigt und im optimalen Abstand; die Teilchen haben
kinetische Energie); in beiden Fällen wächst U
irgendwie mit T. (Nicht vergessen: T ist
ein Maß für die im System
steckende Energie!). |
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Man erhält also folgendes
prinzipielles Diagramm (die blauen Kurven sind die beiden freien Energien
Gfest und Gflüssig. |
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Der Einfachheit halber sind alle
Kurven als Geraden gezeichnet und Schnittpunkte für
U(T) und T · S(T) eingezeichnet
(damit kennt man die Nullpunkte von G(T); angedeutet mit
den gestrichelten Hilfslinien) und kann die G-Geraden leicht
zeichnen. |
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Das ist aber alles völlig
irrelevant und vereinfacht nur die Schemazeichnung. Die Schlußfolgerung
aus diesem Diagramm gilt für alle
monoton ansteigenden Funktionen, ob mit oder ohne Schnittpunkte: |
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Es existiert immer eine Temperatur
Tm, die
Schmelzpunktstemperatur,
oberhalb der die freie Energie Gflüssig der
flüssigen Phase kleiner ist als Gfest der festen
Phase. Anders ausgedrückt: |
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Materialien schmelzen bzw. gefrieren, weil in der jeweilig stabilen Phase die
freie Energie im Vergleich zur Alternative am kleinsten ist. Das ist eine
ziemlich weitreichende Vorhersage, die wir hier zwanglos erhalten! |
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Selbstverständlich gelten exakt dieselben
Überlegungen für das Verdampfen und andere Phasenänderungen. |
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Wir können aber noch mehr
erkennen: Falls die beiden G(T) Kurven sich so flach oder
noch flacher schneiden, als in der
Zeichnung angedeutet, wird die quantitative
Berechnung von Schmelzpunkten sehr schwierig sein. Denn die Lage des
Schnittpunkts zweier sich flach schneidenden Geraden wird sehr stark davon
abhängen, wie genau man die Geraden kennt. |
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Das ist in der Tat so; Schmelzpunkte ergeben sich
aus dem Vorzeichen der Differenz großer Zahlen. Kleinste Änderungen
haben große Effekte, und die Berechnung von Schmelzpunkten aus Daten der
Atome des Materials ist nach wie vor schwierig und unbefriedigend. |
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Damit aber genug der qualitativen
Diskussion. Der Ingenieur, insbesondere der ET&ITIngenieur, (von den
Ingeneurinnen ganz zu schweigen!), will's rechnen! Im nächsten Unterkapitel! |
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Hier die schnellen Fragen: |
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© H. Föll (MaWi für ET&T - Script)