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Was wir jetzt haben ist ein schematisches Bild eines Kristalls, das etwa so
aussieht: |
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Links ist das zweidimensionale Bild
eines LiF Kristalls mit halbwegs richtigen
Größenverhältnissen der Ionen und in der richtigen
("kubischen") Anordnung. Rechts ist eine Darstellung, in der die
Bindung zwischen nächsten
Nachbarn durch eine Feder dargestellt ist, die das Bindungpotential
symbolisiert. Man sieht nicht mehr die
Größenverhältnisse und dass die Ionen"kugeln" sich
berühren, dafür aber die kubische Struktur eher besser. |
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Was man nicht sieht sind die Federn = Bindungspotentiale zu
den zweitnächsten Nachbarn usw., die aber sowohl da sind als auch
gebraucht werden. |
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In einer dreidimensionalen
(perspektivischen Darstellung) würde man nicht mehr viel sehen,
außer---- |
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... dass zumindest zwischen den
zweitnächsten Nachbarn (Diagonalen) noch "Federn" gebraucht
werden, denn das Kugeln-Federpaket von oben rechts würde, so wie es
gezeichnet ist, bei "weichen" Federn sofort kollabieren. |
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In der nächsten
Abstraktionsebene zeichnen wir der Einfachheit halber einige der (niemals alle)
Bindungsfedern zwischen den nächsten Nachbarn als Striche. Ein
Beispiel: |
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Das Mineral
"Spinell" hat die Bruttoformel Mg2+(
Al23+)O4.
Die Welt ist voll von Kristallen dieser Art. |
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Wichtig ist nur zu kapieren, dass
Bildchen dieser Art immer sehr abstrakt sind und immer mehr oder weniger
"falsch". Aber - es geht nicht anders. |
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Es kommt noch schlimmer: In jedem der
Bilder sitzen die Symbole für die Atome / Ionen fest auf einem
"Gitterplatz". Das ist allenfalls am absoluten Nullpunkt richtig.
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Bei endlichen Temperaturen (unterhalb des
Schmelzpunktes) enthält unser Kristall
thermische Energie. Die
Frage ist: Wie äußert sich diese thermische Energie in den Bildchen
und Bindungspotentialen? |
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Bitte jetzt verinnerlichen: |
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Temperatur ist ein Maß
für die einem Körper innewohnende
(ungeordnete) Energie.
Temperaturänderungen erfordern Energiezufuhr oder -abfuhr. |
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In einem Kristall bei der
Temperatur T2 >
T1 steckt mehr thermische Energie als bei
T1. Wo ist diese
thermische Energie? |
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(Nebenbei: In einem Kristall, der
mit der Geschwindigkeit v2 Auto fährt und die Temperatur
T1 hat,
steckt zwar mehr (geordnete) kinetische
½mv22 Energie als in einem Kristall bei
v1 < v2 und T1, aber
dieselbe ungeordnete thermische Energie.)
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Es gibt nur eine mögliche
Antwort auf die obige Frage: Die thermische Energie der Kristalle steckt in
Vibrationen der Atome, d.h. in Schwingungen
der Atome um ihre Gleichgewichtslage! Je heißer desto wackelt's! |
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Wenn man das Federbild oben
anschaut, kann man sich das leicht vorstellen. Gibt man Energie in das Masse -
Federsystem, wird ein wildes Oszillieren stattfinden. Ein herausgegriffenes
Atom wird mal mit großer, mal mit kleiner Amplitude; mal in diese, dann
in jene Richtung schwingen. Keine Chance, dem individuell zu folgen. |
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Wollen wir aber auch nicht, Mittelwerte reichen. |
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Wir nehmen jetzt mal
eine extreme einfache und gleichzeitig sehr allgemeine Definition der
Temperatur zur Kenntnis: |
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Bei der (absoluten) Temperatur T hat ein Teilchen
in einem Teilchensystem (Kristall, Gas, ...) im
Mittel
die thermische Energie
Etherm =
½f kT
für f Freiheitsgrade
.
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Die "Freiheitsgrade"
zählen schlicht ab, auf wieviel Arten man Energie "speichern"
könnte. In einem Kristall gibt es sechs. Je drei für die mittleren kinetische
Energie der Schwingung in x- y- und
z-Richtung, und je drei für die Erhöhung der mittleren
potentiellen Energie durch Abweichungen von der Ruhelage im Potentialtopf des
Atoms in seiner Bindungsumgebung. |
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Das ist aber hier nicht gar nicht so
wichtig. Wir lernen nur: Temperatur = Schwingungen um die Ruhelage.
Etherm » kT
reicht für unsere Zwecke völlig aus |
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Dies ist eine der
wenigen Formel, die man wissen muss. Sie
definiert, was Temperatur eigentlich ist, und erlaubt abzuschätzen, was
bei gegebener Temperatur energetisch passieren kann. |
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Was können wir
daraus für Schlüsse ziehen? Schauen wir uns das einfach mal im
Potentialtopfmodell an: |
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Falls die Atome um ihre
Gleichgewichtslage schwingen, wird der Abstand zwischen den Bindungspartnern
periodisch kleiner und größer. Beim jeweiligen Extremum des Abstands
- größte oder kleinste Entfernung rmax bzw.
rmin - ist die Energie der Oszillation reine
potentielle Energie, eben exakt die Energie, die das Potential für den
jeweiligen Anstand r vorgibt. |
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Beim Nulldurchgang ist die Energie
rein kinetisch. Immer jedoch ist die Gesamtenergie E,
die Summe aus potentieller und kinetischer Energie, konstant. |
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Achtung! Wir
erlauben uns hier den Luxus, ein-und-denselben Buchstabe E sowohl
für die Gesamtenergie, als auch für den E-Modul (und
später noch für das elektrische Feld) zu benutzen! Aus dem jeweiligen
Kontext heraus gibt es eigentlich keine Verwechslungsgefahr. Im Notfall
verwenden wir nicht Indizes, griechische, altdeutsche oder andere Symbole,
sondern - wir sind modern - Farbe. |
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Damit können wir die
Oszillationen der Bindungspartner als Energieniveau in den Potentialtopf des
Bindungspotentials einzeichnen. Jedes denkbar Niveau ist erlaubt, da die
Oszillation jede Amplitude haben kann. |
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Zunächst sind
zwei Fragen zu beantworten:
- Wie groß ist die Frequenz n der Schwingungen?
- Wo ist das oszillierende Atom im
Mittel?
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Wer die
Übungsaufgabe
im Modul 2.1.2 gemacht hat kennt die
Antwort - zumindest der Spur nach. Wer's nicht gemacht hat, macht's jetzt -
für die Frequenz! |
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Das Ergebnis ist: Die
Schwingungsfrequenz von Atomen in einem Kristall (Festkörper) liegt in der
Größenordnung n = 1013
Hz. Das ist eine Zahl, die man wissen muss. |
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Als Elektro- und Informationstechniker fragen wir
uns jetzt automatisch, wo wir dieses Frequenzband einzuordnen haben, und was
für ein Bedeutung dieses "Eigenschwingverhalten" der Materie
dann hat. |
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Im "einfachen Frageteil" der
Übungsaufgaben wird dazu gezielt gefragt; hier nehmen wir nur mal zur
Kenntnis, dass wir später darauf
zurückkommen werden. |
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Jedenfalls haben wir jetzt bereits
zwei weitere wichtige und ganz allgemeine Eigenschaften der Festkörper aus
dem Bindungspotential gewonnen: |
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???? Wo kommt der thermische Ausdehnungskoeffizent
her? Und wieso "haben" wir ihn? Nachdem wir bisher alles sehr
ausführlich dargestellt haben, drücken wir jetzt mal ein
bißchen auf's Gas. |
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Im obigen Bild
war schon eingezeichnet, dass sich der mittlere Abstand mit zunehmender
Temperatur vergrößert - wir haben thermische Ausdehnung! Es ist vom Bild
her auch schon klar, dass der Effekt um so größer sein wird, je
asymmetrischer das Bindungpotential ist. |
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Die Frage ist, können wir die relevante
Kurve, die durch die Mitte der Energieveaus geht, aus dem Bindungspotential
berechnen? Die Antwort ist: ja - aber nur mit großer Mühe; hier ist
ein einschlägiger
Link. |
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Was rauskommt ist: |
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| a =
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n + m + 3
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= const. · |
1
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| 2 · n · m ·
U0 |
Tm |
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Die Graphik zeigt, dass man damit nicht schlecht
liegt. Bitte mal kurz nachdenken: Die Graphik war schon lange vor der Formel
bekannt. Was wir hier getan haben, ist eine fundamentale Eigenschaft der Materie aus sehr
grundlegenden Erwägungen heraus zu verstehen! |
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Gehen wir direkt zur nächsten
fundamentalen Eigenschaft: |
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Wer die
Übungsaufgabe
gemacht hat, ist eigentlich schon fertig |
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Hier ist ein Ergebnis: |
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Wir sehen, dass wir mit einem
gewissen Kraftaufwand (blaue Kurve) die Bindungspartner auseinanderziehen
können. Die notwendige Kraft erreicht aber ein Maximum am (rechten)
Wendepunkt der Potentialkurve! |
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Das bedeutet, dass mit einer Kraft
FBruch (oder besser, auf die Fläche bezogen,
einer Spannung
sBruch), die unwesentlich
größer ist als die max. Kraft, den Abstand Þ ¥ treiben. In
anderen Worten: Die Bindungen und damit der Körper brechen
auseinander. |
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Die maximale Bruchspannung sBruch sowie die zugehörige
Bruchdehnung eBruch =
(rWendepkt
r0)/r0 ergibt sich damit
eindeutig aus dem Bindungspotential. Nach wiederum ziemlich langer und
öder Rechnung
erhält
man |
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| sBruch = |
n · m · U0
r03 |
æ
ç
è |
æ
ç
è |
n + 1
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ö
÷
ø |
1/(n m) |
1 |
ö
÷
ø |
| m + 1 |
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Es folgt jetzt keine Vereinfachung oder eine Graphik zum Vergleich
mit experimentellen Werten, denn: |
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| Die Formel
stimmt nicht mit dem Experiment überein! |
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Wie kann das sein? Haben wir einen
Fehler gemacht? Nein haben wir nicht - aber |
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Wir haben, ohne groß
nachzudenken, einen idealen, 100 %
perfekten
Kristall unterstellt. Solche
Kristalle gibt es nicht! |
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Reale Kristalle, die immer irgendwelche Defekte enthalten, brechen immer bei viel
kleineren Bruchspannungen! Was wir ausgerechnet haben ist das ultimative
Maximum; darüber geht schlicht nichts mehr. |
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Sch....! Das hat eine Reihe von
Konsequenzen:
- Reale Materialien brechen früher als sie müssten. Nicht gut
für technische Zwecke!
- Bei welcher Belastung sie brechen, hängt offenbar von Defekten ab. Das
sind aber gerade die nicht so leicht zu fassenden Strukturmerkmale eines
Materials. In anderen Worten: Die Bruchfestigkeit eines gegebenen Materials ist
keine Konstante!
Nicht gut
für technische Zwecke.
- Dass Eigenschaften defektabhängig sind,
soll ja auch sonst
oft gelten. Wir müssen uns also mit der komplexen Materie
"Defekte in Kristallen" befassen!
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Trotzdem haben wir eines gelernt:
Falls wir nach ultrafesten Materialen suchen sollten, ist das
"Tüfteln"
in der Garage ziemlich sinnlos. Man tut besser daran, über
Bindungspotentiale das maximal Mögliche zu ermitteln, und dann mit
"defect engineering" dem Maximum möglichst nahe zu kommen. |
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Wir haben jetzt 5
Materialeigenschaften ziemlich direkt mit dem Bindungspotential korreliert oder
sogar quantitativ abgeleitet:
- Schmelzpunkt.
- Elastizitätsmodul.
- Frequenz der
Schwingungen.
- Thermischer
Ausdehnungskoeffizient
- Maximale
Bruchspannung und -dehnung.
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Das mögen ja ganz interessante
Eigenschaften sein, aber nicht so sehr für Elektrotechnik und
Informationstechnik Ingenieure. Schon wahr, aber der Weg zu den elektrisch
interessanten Eigenschaften führt auch über Bindungspotentiale - wir
werden sehen! |
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Um auf diesem Weg weiterzukommen,
schauen wir uns jetzt die jetzt die letzte aus Bindungspotentialen
resultierende Eigenschaft an: Die Bildung von Kristallen. |
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Um sicher zu sein, dass alles sitzt,
machen wir noch die folgenden einfachen Übungen: |
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© H. Föll (MaWi für ET&T - Script)