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So wie die Elektrotechnik - etwas
vereinfacht gesehen - sich aus dem Teilgebiet der Physik heraus entwickelte,
das Elektrodynamik heißt und im wesentlichen auf den Maxwellschen
Gleichungen beruht, hat die Materialwissenschaft ihre Wurzeln in der
Quantentheorie
und der statistischen
Mechanik oder Thermodynamik
(beides zusammen begründet wieder im wesentlichen die
Festkörperphysik). |
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Und so wie die Elektrotechnik sich von der Physik
unterscheidet, unterscheidet sich auch die Materialwissenschaft von der
(Festkörper)physik: Sie ist in vielen Punkten spezieller, sie ist anwendungsbetont, macht auch dort
"irgendwie", d.h. pragmatisch/empirisch weiter, wo die Physik (mangels
Durchblick) aufhört, betrachtet grundsätzlich die wirtschaftliche Seite der Anwendungen und akzeptiert
als ihre Aufgabe, daß die geringfügige Verbesserungen eines von der Physik im Prinzip
vollständig verstandenen Produkts oder Prozesses mit zu den zentralen
Aufgaben gehört. |
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Einige Beispiele dazu: |
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Spezialisierung: Trafobleche, Aluminium für
Getränkedosen (eine komplexe Legierung, bei deren Optimierung es um
Pfennigbruchteile geht). |
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Anwendungsbetonung: Plasmaätzung in der
Halbleitertechnologie mit z.B. NF3 als Ätzgas; mehr
schwarze Kunst als verstandene Wissenschaft. |
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Empirie: Die
ganze "Metallkunde" war mal weitgehend eine empirische Wissenschaft;
heute ist es z.B. die "Plasmaätzung" - eine der Säulen der
Mikroelektronik |
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Wirtschaftlichkeit: Bei Solarzellen geht es nahezu
ausschließlich um das Billigermachen, nicht mehr um das Verstehen. |
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Kleine
Verbesserungen: Die Schwankungen der Oxiddicken auf einer
Si-Scheibe (auf der Scheibe, von Scheibe zu Scheibe und von Tag zu Tag)
um 1% kleiner zu machen, ist erheblich schwieriger, als einen neuen
Oxidationsprozeß zu entwickeln - aber für eine Fertigung, die pro
Tag ca. 1000 Scheiben verarbeitet, sehr wichtig. |
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Materialwissenschaft ist allerdings der Urmutter
Physik noch näher als die Elektrotechnik oder der Maschinenbau, weil die
Grundlagen in der Physik erst in den 20er und 30er Jahren des
20ten Jahrhunderts durch die Quantentheorie gelegt wurden. |
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Die unmittelbaren praktischen Anwendungen, die aus der Physik
letzlich die Abspaltung eines Ingenieurfaches erlauben und erfordern, begannen
dann nach dem 2. Weltkrieg in den 50er Jahren. |
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Zur Zeit erleben wir übrigens, daß sich aus der
klassischen. mathematiknahen Informatik ebenfalls eine Ingenieurdisziplin
abzuspalten beginnt. |
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Das sind durchaus keine einfachen Prozesse. Auch
Ingenieursdisziplinen werden unter Schmerzen geboren - ob das wohl mit einer
Erbsünde der Mutter Physik zusammenhängt? |
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Materialwissenschaft ist deswegen aber auch
vielleicht noch etwas mehr als die klassichen Ingenieurfächer eine
Querschnittswissenchaft.
Materialwissenschaftler besitzen neben ihren Kernwissen aus Physik, Mathematik
und den spezifischen materialwissenschaftlichen Themen idealerweise noch
belastbares Wissen aus: |
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Elektrotechnik, weil z.B. die gesamte
Mikroelektroniktechnologie - die zur Materialwissenschaft gehört - eine
große und nicht mal klar abgegrenzte Schnittstelle zur Elektrotechnik hat
(mancher Elektrotechniker würde sogar die Mikroelektronik komplett als
Gebiet der Elektrotechnik sehen). |
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Chemie, weil letzlich
Materialien chemische Substanzen sind und aus chemischen Prozessen
entstehen. |
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Physikalische
Chemie, da die Thermodynamik und die Reaktionskinetik dort i.a.
intensiver betrieben werden als in der Physik. |
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Betriebswirtschaft, weil es immer um
Technologien, Prozesse und Produkte, und damit um Geld geht. |
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Metallurgie und
Mineralogie, da das dort gesammelte empirische
Wissen nach wie vor unersetzlich ist und nicht durch Theorien
überflüssig gemacht wird. |
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Psychologie, weil für
den Erfolg eines Materials am Markt nicht selten psychologische Faktoren eine
Rolle spielen. |
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Ein letzter, aus der historischen
Entwicklung stammender Punkt: Die Sprache
der Materialwissenschaft. Sie ist für moderne Materialien - und
insbesondere für die Halbleiter - amerikanisch und enthält (deshalb?) eine Reihe
schnell entstandener schlampiger
Begriffe. Dadurch entstehen für Nicht-"Insider" drei
Problemfelder: |
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1. Das amerikanische Wort
bedeutet etwas anderes als es eigentlich
meint. |
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Der "Trench" in der "Trenchzelle", einer speziellen
Mikroelektroniktechnologie, ist eben kein Graben, wie das sauber übersetzt heißen
würde, sondern ein Loch, ein
"hole". Trotzdem reden wir im Deutschen, falls wir nicht den obigen
Bastard benutzen, blödsinnigerweise auch von einer
"Grabenzelle". Und die amerikanische "Waferfab", also die
universell verwendete Kurzform der "Waferfactory" oder
"Waferfabrication", fabriziert eben gerade keine Wafer, sondern Chips. Damit kommen wir zum
nächsten Problem: |
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2. Viele Begriffe sind nicht
übersetzbar. |
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Die deutsche Übersetzung von "Chip", nämlich Splitter, Span,
Schnitz(el), evtl. sogar "Pommes" (wie bei "fish and
chips") oder gar Spielmarke, trifft nicht so recht die gemeinte integrierte Schaltung, und die heute 30 cm
durchmessenden Si-Scheiben, die mit "Wafer" gemeint sind, werden durch
Wörterbuchbegriffe wie Waffel, Oblate oder gar Hostie auch nicht so recht
beschrieben. Die Übersetzung "Schnitzelfabrik" für
"Waferfab" trifft es deshalb auch nicht so ganz. Also lassen wir es,
und bleiben bei den eingeführten amerikanischen Begriffen, auch dort wo
sie eigentlich gar nicht stimmen. |
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3. Das letzte Problem liegt im
Umgang unserer Kulturschaffenden in den Medien mit der Naturwissenschaft und
Technik. Die können zwar Latein, aber nicht immer richtig Englisch, und
tun sich erfahrungsgemäß schwer, eindeutige und leicht zu
übersetzende amerikanische Wörter richtig wiederzugeben. |
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Im amerikanischen sind sich z.B. die Begriffe
"Silicon" (= Silizium),
"Silica" (= Quarz (im deutschen
ohne tz!)) und "Silicone"(=
Silikone) recht
ähnlich - so ungefähr wie Romanik
und Romantik. Man kann getrost darauf
wetten, daß in deutschen Artikeln, in denen eines dieser Wörter in
Übersetzung aus dem Amerikanischen vorkommt, die Wahrscheinlichkeit
für eine richtige Übersetzung bei 1/3 liegt. Das
Space-Shuttle, beispielsweise, ist in Deutschland fast immer mit Kacheln aus
Silizium vor der Hitze geschützt; in Amerika aber mit Silica Tiles. Auch
die Chips der Mikroelektronik bestehen in deutschen Zeitungen gern aus
Silikonen. |
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Daraus läßt sich eine
spannende Übungsaufgabe ableiten, mit der dieses Kapitel beendet werden
soll. |
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© H. Föll (MaWi 1 Skript)