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Die Beschreibung eines Kristalls mit
Bravaisgittern und Basis ist nun
geläufig. Wir haben aber auch schon gemerkt, daß dieser Formalismus
bei einfachen Kristallen komplizierter ist als nötig. |
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Es ist manchmal einfacher, sich einen gegebenen Kristall direkt aus
Atomen oder Molekülen, die in Ebenen
liegen, zu konstruieren, und nicht über die "Gitter + Basis"
Regel. |
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Dabei hat man bei einfachen Kristallen noch den
Vorteil der Anschaulichkeit und, wie wir gleich sehen werden, der direkten
Einsicht in wichtige Eigenschaften, die sich aus dem Bravais-Gitter und der
Basis nicht immer so direkt erschließen. |
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Letztlich ist dies das Vorgehen mit einem
"Kristallbaukasten". Wir besorgen
uns die Bauelemente und probieren, wie sie sich am besten zusammenpassen. Die
Bauelemente sind dann z.B. simple Kugeln für alle Atome die ungerichtete
Bindungen haben, Kugeln mit definierten "Ärmchen" falls
kovalente Bindungen vorliegen, oder auch ganze Moleküle mit ihren noch
verfügbaren Bindungsgeometrien, falls wir einen komplexen Kristall bauen
wollen. |
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Zumindest ein
Nobelpreis kam auf diese
Art zustande; es ist also kein zu verachtendes Vorgehen. |
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Hier wollen wir aber nur die beiden
einfachsten Kristalle betrachten, die man beim "Spielen mit Kugeln"
erhalten kann. Die Aufgabe ist, mit einer
Kugelsorte einen Kristall zu formen, bei dem möglichst viele Kugeln in ein
gegebenes Volumen gepackt sind - in anderen Worten, wir wollen die
dichteste Kugelpackung
realisieren. |
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Das ist nicht nur für Kristalle interessant;
die Menschheit hat sich auch z.B. auch ausführlich damit beschäftigt,
wie man Kanonenkugeln
möglichst dicht packen kann. |
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Obwohl es in mathematischer Strenge nicht einfach
ist zu beweisen, daß die Lösung, die wir erhalten werden, die
richtige ist, hat der "gesunde Menschenverstand" damit überhaupt
kein Problem |
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Wir beginnen, indem wir zunächst
unsere Kugeln auf einer Ebene zweidimensional möglichst dicht packen. |
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Wir erhalten automatisch einen zweidimensionalen
Kristall - wer´s nicht glaubt soll´s (experimentell) beweisen! |
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| Dichteste
Kugelpackung in der Ebene |
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Als nächstes legen wir eine neue
Lagen von Kugeln auf die bereits vorhandene Ebene. |
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Selbst wenn wir gedankenlos die Kugeln der
2. Ebene irgendwo hinlegen, würden sie automatisch in die Kuhlen
rutschen, d.h. das Zentrum einer Kugel der 2. Ebene liegt exakt im
Zentrum der leicht verbogenen projezierten Dreiecke, die zwischen den Kugeln
der 1. Ebene aufgespannt werden. |
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Wir erhalten das nachfolgende Bild (die 2.
Ebene ist halbtransparent gewählt). |
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| Dichteste
Kugelpackung mit zwei Ebenen |
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Um beim Übergang zu vielen
aufeinanderliegenden Ebenen eine einfache Bezeichnung zu haben, nennen wir die
blaue Ebene und alle Ebenen, die bei
senkrechter Projektion exakt über der blauen Ebene liegen, A-Ebenen, die rosa Ebene und alle die exakt
über ihr liegen heißen B-Ebenen. |
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Das rote Atom liegt in der Projektion
exakt über einem Atom der A -
Ebene. Wenn wir ausgehend von diesem Atom die dritte Ebene bauen,
erhalten wir also wieder eine A - Ebene. |
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Das grüne Atom aber liegt weder
über der A- noch über der B - Ebene. Mit grünen
Atomen erhalten wir also eine neue Ebene, die in unserer Nomenklatur
konsequenterweise C - Ebene
heißt. |
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Daß es sich wirklich um
verschiedene Ebenen handelt, wenn wir ausgehend vom roten oder grünen Atom
die Ebenen konstruieren, sieht man sofort: Die rote oder grüne Ebenen
paßt nicht zusammen; es entsteht eine Linie entlang der sich ein Passungsfehler definieren läßt. |
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Dies gibt uns eine erste Ahnung davon, was Kristallbaufehler sind und wie sie entstehen
können. |
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Denn wenn wir uns vorstellen, daß auch
richtige Kristall so wachsen, daß sich auf
dichtest gepackten Ebenen Atome
in die Kuhlen setzen, ist leicht vorstellbar, daß das manchmal falsch
läuft. Wenn diese falsch besetzte Lage dann wächst, wird sie mit den
anderen, unabhängig und "richtig" entstandenen Lagen nicht
zusammenpassen; der Kristall enthält einen Defekt. |
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| Dichteste
Kugelpackung mit den zwei möglichen Varianten der dritten Ebene |
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Wir haben also zwei Möglichkeiten, einen Kristall in
dichtester Kugelpackung zu erzeugen: |
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Wir starten mit einer hexagonalen
zweidimensionalen A-Ebene; darauf kommt eine B-Ebene |
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1. Möglichkeit: Wählen wir als
dritte Ebene wieder eine A-Ebene und
machen dann periodisch weiter, erhalten wir die Stapelfolge:
ABABABABA.... |
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Der Kristall den wir so
erhalten, hat genau die vorher diskutierte
hexagonal
dichteste Kugelpackung (hcp),das ist unmittelbar zu sehen. |
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2. Möglichkeit: Wählen wir als
dritte Ebenen aber eine C-Ebene,
bekommen wir die Stapelfolge ABC. Wenn wir diese Folge dann immer wieder
wiederholen, erhalten wir
ABCABCABCABC...,
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- und dies ist genau das fcc Gitter wenn
wir die Aufeinanderfolge der {111} Ebenen betrachten - nur ist das nicht
ganz so leicht zu sehen. |
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Allgemein betrachtet haben wir jetzt
einen Kristall erzeugt, indem wir nicht einzelne Atome auf durch Gitter und
Basis definierte Plätze gesetzt haben, sondern ganze Ebenen von Atomen
aufeinander stapeln. |
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Da dies nicht immer so direkt einsichtig ist,
wollen wir dazu eine kleine Übung machen. |
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Daß man mit dieser
"Kristallbautechnik" nicht nur die bekannten dichtestgepackten
Strukturen machen kann, ist klar. Wir könnten aber selbst innerhalb einer
dicht gepackten Struktur noch Modifikationen einbringen: |
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Es könnte z.B. folgendermaßen aussehen
ABCBABCBABCB... oder ABCBCABCBCABCBC...;
jedesmal produzieren wir einen (komplizierten) Kristall mit der jeweils farbig
markierten Einheit der Stapelfolge. |
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Es ist auch nicht prinzipiell verboten, x
mal, z.B. 30 mal, ABAB... zu stapeln, und nach jedem x.
Block eine C-Ebenen einzufügen:
ABAB...(30X) ... ABABCABAB...(30X)..ABCAB... |
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So etwas in der Art kommt tatsächlich vor!
Die wichtige Verbindung SiC
(Siliziumcarbid) hat (aus technischer Sicht leider) viele Modifikationen mit den
merkwürdigsten Stapelfolgen! Man nennt dies ganz allgemein Polymorphismus; für den Fall dass die
diversen Morphologien sich nur in einer
Dimension unterscheiden (wie hier beim Stapeln in einer Richtung) auch
Polytypismus. |
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Wir könnten auch beliebig
stapeln, wobei wir nur darauf achten, daß keine Kopf - Kopf Stapelfolge
(z.B. AA) entsteht; z.B.
ABCBACBACABCABCBA...
aber da wir keine Translationssymmetrie mehr haben, ist das eigentlich kein
richtiger Kristall mehr. |
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Unser Spiel mit Kugeln produziert
also in simpelster Weise das hexagonale Bravaisgitter mit zwei Atomen in der
Basis, das kubisch flächenzentrierte Bravaisgitter mit einem Atom in der
Basis, aber auch kompliziertere Gitter. Wir beenden dieses Unterkapitel mit
einer kleinen Übung, die uns sowohl hilft, die Geometrie des fcc -
Gitters besser zu verstehen als auch - ein Kapitel später - die
spezifischen Defekte dieses Gitters. |
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© H. Föll (MaWi 1 Skript)