Text in der "Welt am Sonntag"

von Katrin Starke

(mit Erlaubnis des Verlags hier veröffentlicht)

Das erste europäische Master-Studium der Elektromobilität wird von vier Universitäten gemeinsam getragen. Das Interesse ist enorm

 

Bei Tesla zu arbeiten, in der entstehenden Gigafabrik bei Berlin, das könnte sich Anindita Debnath vorstellen. "Das wäre ein Traum", sagt die Inderin. Gerade hat sie an der Universität Kiel das zweite Semester des Studiengangs "Electric Vehicle Propulsion and Control", kurz E-PiCo, hinter sich. Noch ein Jahr, dann wird sie den Masterabschluss in der Tasche haben – als Absolventin des ersten europäischen Studiums der Elektromobilität, das von vier Partnerhochschulen in vier europäischen Ländern gemeinsam angeboten wird.

„Bei Tesla sind nun mal die Pioniere des elektromobilen Fahrens“, sagt die junge Frau, die sich in der Branche auskennt. In ihrer Heimat hat sie ein Bachelor-Studium abgeschlossen und anschließend bei der Robert-Bosch-Niederlassung in Coimbatore im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu an „so einigen Projekten“ mitgewirkt. Als Entwicklungsingenieurin für elektronische Steuergeräte von Fahrzeugen habe sie einen guten Einblick in die Automobilindustrie gewonnen, sagt die 26-Jährige.

Deswegen wollte sie auch unbedingt nach Europa, um ihre Kenntnisse zu vertiefen. Sie informierte sich über die Angebote der deutschen Universitäten – immerhin gibt es hierzulande 18 Elektromobilitäts-Studiengänge an 15 Hochschulen, vom Bachelor-Studiengang "Elektromobilität, Autonomes Fahren und Mobile Robotik" an der Technischen Hochschule Deggendorf über den dreisemestrigen Master-Studiengang "Elektrotechnik mobiler Systeme" an der Technischen Hochschule Ingolstadt bis zum viersemestrigen Master an der TU Braunschweig.

Bei ihrer Recherche stieß Debnath auf den 2020 gerade aus der Taufe gehobenen ersten europäischen Masterstudiengang zur Elektromobilität, bewarb sich und wurde angenommen, als Stipendiatin des Erasmus-Mundus-Programms. Dass sie damit zu einem Kreis weniger Auserwählter gehört, erfuhr sie erst, als sie in Frankreich angekommen war, wo sie an der École Centrale de Nantes ihr erstes Semester absolvierte.

Für den ersten Studienjahrgang habe es um die 600 Bewerbungen gegeben, sagt Thomas Meurer. Der Professor, der an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) den Lehrstuhl für Regelungstechnik leitet, ist zugleich Studiengangsleiter an der CAU für den europäischen Masterstudiengang E-PiCo. Für den zweiten Durchlauf, der im September startet, hätten sich sogar 800 junge Leute beworben. Was Meurer nicht überrascht. "Der gesamte Automobilsektor befindet sich im Umbruch, alternative Antriebskonzepte rücken immer mehr in den Fokus", erklärt er.

Weil sich die Branche so radikal verändere, würden auch händeringend Fachkräfte gesucht, die sich mit den neuen Antrieben auskennen. Der neue Studiengang biete eine "exzellente Möglichkeit, Elektrotechnik und Elektromobilität interdisziplinär, praxisnah und international zu studieren". Den viersemestrigen, englischsprachigen E-PiCo-Studiengang bieten die Hochschulen in Nantes und Kiel gemeinsam mit der Università degli Studi dell' Aquila in Italien und der University Politehnica of Bucharest (Rumänien) an.

Jede Uni habe natürlich die Kompetenz für ein volles Master-Programm. "Aber letztendlich lebt der Studiengang von der Kombination der Angebote", unterstreicht Studiengangskoordinatorin Kirstin Scholz. Gemeinsam decken sie die gesamte Bandbreite des elektrischen Antriebssystems ab. In Kiel stehen die Bereiche Antriebe, Netze und Batterien sowie Regelungs- und Automatisierungstechnik auf dem Lehrplan. Koordiniert wird er von der École Centrale in Nantes, wo alle ihr erstes Semester absolviert haben – 21 Ingenieure mit mindestens einem Bachelorabschluss in Elektrotechnik, Automatisierungstechnik, Kybernetik oder einer ähnlichen Fachrichtung. Im Herbst werden 24 weitere Nachwuchsforscher dort ihr Studium aufnehmen. „Es gab Bewerbungen aus fast allen Kontinenten“, sagt Meurer.

Viele kämen aus Südamerika, aus Asien, aus Afrika. Die meisten sind Stipendiaten. Die Europäische Union fördert das Studienprogramm über ihr Erasmus-Mundus-Programm mit mehr als drei Millionen Euro für sechs Jahre. Dadurch könnten bis zu 60 Stipendien vergeben werden, die Studiengebühren, Lebensunterhalt und Reisekosten abdecken. Inzwischen steige aber auch die Anzahl der Selbstzahler, sagt die Kieler Studiengangskoordinatorin Scholz. Für Studierende aus der EU werden für die vier Semester 9000 Euro an Studiengebühren fällig, Studierende aus Nicht-EU-Ländern müssen 18.000 Euro auf den Tisch legen.

Von den Studierenden des ersten Jahrgangs kamen 13 aus Nantes nach Kiel, elf werden fürs dritte Semester in Kiel bleiben, die übrigen nach Nantes zurückkehren oder ihr Studium in Italien fortsetzen. Der 27-jährige Argentinier Tomas Varela, ebenfalls Studierender des ersten Jahrgangs, wäre gern für ein Semester nach Bukarest gegangen. Neben den Inhalten des Studiums sei ihm der multikulturelle Kontext wichtig. Gern hätte er ein Land mit einem anderen gesellschaftspolitischen Hintergrund kennengelernt. „Aber die politechnische Uni Bukarest hat jetzt erst verspätet die Genehmigung für den Studiengang vom zuständigen Ministerium erhalten“, sagt Meurer, „daher mussten wir umverteilen“. Die Selbstzahler können frei wählen, an welchem der vier Standorte sie studieren, wobei jeder Absolvent an mindestens zwei Unis gewesen sein muss. "Die Stipendiaten dürfen Prioritäten angeben, wo sie das zweite und dritte Semester verbringen wollen", so Scholz. "An dem Ort, an dem sie ihr drittes Semester absolvieren, werden sie dann auf ihre Masterarbeit vorbereitet."

Worauf er in seiner Masterarbeit den Schwerpunkt legen will, weiß Tomas Varela noch nicht. Auf jeden Fall werde es etwas sein, "was die Industrie braucht", sagt der Elektronikingenieur aus Mar del Plata. In seiner Heimat hat er bereits bei einem Start-up gearbeitet. Nach seinem Masterstudium möchte er für ein paar Jahre in Deutschland arbeiten. "Das deutsche Ingenieurswesen ist wirklich eine sehr gute Option", sagt der 27-Jährige. Es sei beeindruckend, wie konsequent man sich in Deutschland mit dem Klimawandel auseinandersetze. Südamerika, wohin er auf lange Sicht zurückkehren möchte, sei da längst nicht so weit. Er wolle an der Entwicklung von Lösungen mitwirken, "die helfen, die CO2-Emissionen zu verringern".

Auch sein Kommilitone Daniel Astudillo möchte nach seinem Masterstudium in Deutschland arbeiten. Hier gebe es jede Menge Möglichkeiten, ist der 27- Jährige aus Ecuador überzeugt. Er spricht von einem Forschungsschwerpunkt in Süddeutschland, von BMW in München. Er will zur Entwicklung einer nachhaltigen Mobilität beitragen. Die Luftverschmutzung durch den Straßenverkehr, wie er sie in seiner Heimatstadt Cuenca erlebt habe, müsse überwunden werden. In Deutschland gebe es bereits viele gute Projekte, die aus der Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft resultieren, und die Vorbild für Ecuador sein könnten.

Astudillo hat nicht nur die Automobilindustrie im Blick, wenn er an die Mobilität der Zukunft denkt, sondern auch die Luftfahrtindustrie. "Bei Airbus in Hamburg zum Beispiel arbeiten sie an alternativen, wasserstoffbasierten Flugzeugantrieben", weiß er – und hofft, im nächsten Semester einige Unternehmen besuchen zu können. Das hatte die Uni Kiel den Studierenden eigentlich schon im vorigen Semester ermöglichen wollen. In der Corona-Krise waren nur virtuelle Exkursionen in die Industrie möglich. Auch der Unterricht fand weitgehend online statt. Dennoch sagt Astudillo, dass das E-PiCo-Studium die "bislang wertvollste Erfahrung seines Lebens" sei.

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