Ingenieure für die Welt von morgen

Helmut Föll

Die auf den Ingenieurwissenschaften basierende Industrie in Deutschland steckt in allzuvielen Bereichen in einer tiefen Krise - zwei Blicke in die Tageszeitungen genügen, um diese These zu untermauern. Denn erstens enthält der Wirtschaftsteil seit Jahren zu viele Schreckensnachrichten aus der noch vorhandenen Technologieszene (man denke an DASA, Grundig, Bremer Vulkan etc.), und zweitens demonstrieren die Werbeseiten und Beilagen dem technisch etwas beschlageneren Leser welche Produkte in Deutschland zwar in Massen verkauft, aber nicht oder kaum mehr hergestellt werden (man denke an Unterhaltungselektronik, PCs, Software oder Kameras). Selbst wo das Technologie- und Produkt Know-how noch vorhanden ist - man nehme z.B. die Mikroelektronik - wird die Forschung, Entwicklung und Fertigung zunehmend ins Ausland verlagert. In manchen Produktsegmenten (z. B. flache Bildschirme) fehlt bereits das Basiswissen und die Infrastruktur für eine industrielle Entwicklung und Fertigung.

Nicht so deutlich sichtbar sind die Probleme in Teilbereichen der Investitionsgüter. Bedenkt man jedoch zum Beispiel, daß der deutsche Maschinenbau bei dem stürmisch wachsenden Markt der Fertigungsgeräte der Mikroelektronik (auch das sind Maschinen), also bei Diffusionsöfen, Plasmaätzern, CVD- und Sputteranlagen oder Steppern, einen gegen Null tendierenden Anteil hat, wird deutlich, daß hier zumindest in Teilbereichen auch von einer Krise gesprochen werden muß.

Die Krise der technologieorientierten Industrie hat, wen wundert´s, inzwischen voll auf die Hochschulen durchgeschlagen. Betrachtet man stark vereinfacht die drei "Produktlinien", die von ingenieurwissenschaftliche Fakultäten angeboten werden, nämlich:

  1. Ausbildung in Form von Studiengängen für Abiturientinnen und Abiturienten,
  2. hochqualifizierte Ingenieurinnen und Ingenieure für die Wirtschaft und den öffentlichen Dienst und
  3. Forschungsergebnisse für Wirtschaft und Gesellschaft,

kann man nur nüchtern konstatieren, daß die Nachfrage für die beiden ersten Punkte nahezu zusammengebrochen ist. Bei Elektrotechnikern sind die Anfängerzahlen an Universitäten im Wintersemester 95/96 auf ein Drittel der von 90/91 gesunken, im Maschinenbau und in den kleineren Fächern ist es ähnlich. Die nächste Krise ist damit vorprogrammiert: Es wird demnächst entweder zu wenig Ingenieure, oder zu wenig Technik für den oft zitierten "Technologiestandort Deutschland" geben.

Die Nachfrage nach frisch diplomierten Ingenieuren ist, obwohl wieder ansteigend, ebenfalls alles andere als ermutigend. Zur Zeit sind ca. 25.000 Ingenieure arbeitslos und Berufsanfänger haben immer noch erhebliche Probleme bei der Arbeitssuche.

In Teilbereichen werden auch Forschungsergebnisse weniger nachgefragt, obwohl die Lage hier noch vergleichsweise gut ist. Dazu ein für Schleswig-Holstein besonders schmerzhaftes Beispiel: Gab es 1993 noch drei potente deutsche Firmen, die sich bei der Entwicklung und Fertigung von Solarzellen aus multikristallinem Silizium engagierten (zwei Material- und ein Solarzellenhersteller) und engen Kontakt zur entsprechenden Forschungswelt hatten, ist es heute nur noch ein Materialhersteller; Teilbereiche der korrespondierenden universitären Forschung laufen aus Sicht der Anwendung dadurch ins Leere. Auch das von alten Bildungsidealen herrührende tiefreichende Desinteresse der deutschen Gesellschaft an naturwissenschaftlich-technischen Fragestellungen und Erkenntnissen, gekoppelt mit einem latenten Unbehagen gegenüber allem was man nicht versteht (das Schlagwort von der "Technologiefeindlichkeit" der deutschen Gesellschaft kommt nicht von ungefähr), führt zu zunehmenden Schwierigkeiten bei der Forschung. Einerseits drängen unreflektierte Ängste ganze Zukunftstechnologien ins Abseits bzw. ins Ausland (als Beispiel mag die Gentechnologie dienen, obwohl sie in Deutschland noch kein Ingenieurfach ist). Andererseits führen unrealistische, oft politisch motivierten Erwartungshaltungen an die Segnungen moderner Technologien (ein Beispiel war die Solarik, ein anderes wird das Elektroauto sein), nach den unvermeidlichen Enttäuschungen dann dazu, daß das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird und die Glaubwürdigkeit der technischen Intelligenz weiteren Schaden nimmt.

Der Erfolg hat viele Väter, der Mißerfolg hat keine - niemand will´s gewesen sein. Er hat aber zumindest Onkel und Tanten, und die Frage ist erlaubt, ob die Ausbildung der Ingenieure in Deutschland, so wie sie an den Hochschulen betrieben wurde und wird, auch einen engen Verwandtschaftsgrad zum zurückgebliebenen Zögling "Hochtechnologie in Deutschland" hat. Wichtiger noch ist die Frage, ob die Ingenieure von morgen mit der Ausbildung von heute bestehen können.

Nun brauchen die frischdiplomierten deutschen Ingenieurinnen und Ingenieure (zu denen hier auch mathematisch-naturwissenschaftlich ausgebildete Studierende, z.B. aus der angewandten Physik oder Informatik gezählt werden sollen) rein fachlich keinen Vergleich zu scheuen. Auch das derzeit wohl ehrgeizigste (und teuerste) ingenieurwissenschaftliche Projekt, nämlich die Entwicklung des 256 Mbit Speichers in einer Kooperation der Firmen IBM, Siemens und Toshiba, bestätigt dies. Die in den gemischten Entwicklungs-teams tätigen Siemens Mitarbeiter - also deutsche Ingenieurinnen und Ingenieure im obigen Sinne - stehen ihren Kollegen aus Japan und den USA nämlich in nichts nach, ähnliches gilt für die Ingenieure in den gemeinsamen Fertigungen.

Man könnte daraus folgern, daß das Angebot der Hochschulen in punkto Studiengänge grundsätzlich in Ordnung ist. Nimmt man weiterhin an, daß die mangelnde Nachfrage nur ein vorübergehendes Phänomen sein wird, besteht für die Hochschulen eigentlich kein Anlaß zu tiefgreifenden Änderungen - und ein nicht kleiner Teil der Akteure an den Hochschulen sieht das auch so.

Die Verbände - vom VDI bis zum ZVEI -, die Leitungsebenen zumindest der großen Technologiefirmen sowie viele Politiker und Professoren, darunter der Autor, sind jedoch dezidiert der Meinung, daß auch im Hochschulbereich tiefe Einschnitte ins System der Forschung und Lehre notwendig sind, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Technologieindustrie zu verbessern oder wieder herzustellen; Analysen, Vorschläge, Gesetze und Erlasse dazu sind in hinreichender Zahl vorhanden. Da die neugegründete Technische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel versucht, in ihren Studiengängen und in ihrer inneren Verfassung vom Althergebrachten abzuweichen und diese Vorschläge aufzunehmen, soll im folgenden kurz vorgestellt werden, welche Innovationen die Technische Fakultät (TF) eingeführt hat, um die Ingenieurinnen und Ingenieure von morgen auszubilden, und welche Erfahrungen sie dabei gemacht hat.

Die TF wurde Anfang 1990 per Kabinettsbeschluß gegründet, Ende 1990 nahm die Gründungskommission die Arbeit auf, und im Okt. 91 bestand die Fakultät dann aus 2 Professoren und 2 Mitarbeitern. Dazu kamen im Nov. 91 die ersten 41 Studierende des neuen Studiengangs "Elektrotechnik" - im Mai 1996 werden somit die ersten Diplome ausgehändigt. Zwischenzeitlich wurden zwei weitere Studiengänge mit Abschluß "Dipl.-Ing." etabliert (Materialwissenschaft und Informatik); der Personalbestand liegt Anfang 96 bei 189 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und 704 Studierenden, wobei 56 MA und ca. 500 Studierende von der 1994 übernommen Informatik stammen.

Wer den öffentlichen Dienst kennt, entnimmt diesen Zahlen eine ungewöhnlich hohe Dynamik, und damit eine grundsätzliche Bereitschaft aller Beteiligten zu effizientem und zielgerichtetem Handeln. Die Umsetzung der als richtig erkannten allgemeinen Prinzipien und Ziele in Studiengänge mit Studien- und Prüfungsordnungen, Stundenplänen, gesicherten Personal- und Mittelressourcen und, last not least, genügend leistungsfähigen und leistungsbereiten Studierenden, bei zumindest angemessener Beachtung der zahlreichen Randbedingungen, die durch Hochschulgesetz, Rahmenordnungen, Erlasse, universitäre und infrastrukturelle Vorgaben gesetzt sind, war und ist jedoch eine Sysiphusarbeit mit hohem Frustrationspotential für alle Beteiligten.

Trotzdem ist es gelungen, die Studiengänge der TF so zu gestalten, daß die Abgänger als "Ingenieure der Zukunft" bestehen werden. Dabei wurden und werden auch die Empfehlungen der Verbände beachtet. Alle Ingenieure der TF haben insbesondere:

Ein wachsendes eigenes Angebot an Veranstaltungen zu nichttechnischen Wahlpflichtfächern, die auch unter Mithilfe des Fördervereins der Technischen Fakultät in engem Kontakt mit der Wirtschaft und den Verbänden durchgeführt werden - etwa ein Existenzgründerseminar oder eine Ringvorlesung zum Thema "Produktqualität" - ermöglichen den Ingenieuren der Zukunft, nämlich unseren derzeitigen Studierenden, sich besser als bisher auf die geänderten Anforderungen im Beruf vorzubereiten. Leistungsanreize, wie z.B. der "Freischuß" (d.h. die Annullierung nicht bestandener Prüfungen, wenn sie zum frühestmöglichen Zeitpunkt abgelegt wurden), intensive persönliche Betreuung (z.B. durch Mentoren) und spezielle Veranstaltungen zum Schließen der häufig vorhandenen Lücken im Grundwissen der Mathematik und der Naturwissenschaften, sollen zu kurzen Studienzeiten führen.

Die oben schon angeklungenen Probleme sollen jedoch nicht verschwiegen werden. Sie können aus den folgenden, bewußt polemisch dargestellten Gegensatzpaaren, wohl ohne weitere Erläuterungen nachvollzogen werden:

Das gravierendste Problem - jedenfalls nach Meinung des Autors - das einige der obigen Punkte mit einschließt, kann jedoch etwas überspitzt, auf folgenden Punkt gebracht werden:

Die reine Lehre über z.B. effiziente Mangementmethoden, projekt- und produktbezogenes Vorgehen in Forschung und Entwicklung, zielgerichtetes Arbeiten im Team, etc., bleibt leer, wenn ihre Paradigmen an den Instituten und Lehrstühlen nicht vorgelebt werden können. Denn auch Studierende erkennen, wenn man Wasser predigt und Wein trinkt, nämlich Leistungsbereitschaft, Flexibilität, Risikofreudigkeit etc. fordert, den eigenen Bereich aber, geschützt durch BAT, das Beamtenrecht, das Mitbestimmungsrecht, die Kameralistik etc., ausklammern kann oder sogar muß. Denn was von den jungen Leuten in letzter Konsequenz außer solidem Fachwissen verlangt wird, ist eine innere Einstellung zum Erwerbsleben, die nicht nur gelehrt werden kann, sondern die auch vorgelebt werden muß.

Die Technische Fakultät versucht deswegen, auch in ihrer internen Organisation Neuland zu beschreiten. Im Finanzbereich war dies möglich; die Fesseln der Kameralistik konnten teilweise abgestreift werden - erfreulicherweise mit aktiver Unterstützung durch viele Entscheidungsträger aus Politik und Administration. Über eine betriebswirtschaftliche organisierte interne Mittelbewirtschaftung können die Ressourcen - zumindest ansatzweise - nach Bedarf und Leistung der organisatorischen Einheiten disponiert werden, ein entsprechender Beschluß dazu wurde von der Fakultät verabschiedet. Daß dies in scharfem Gegensatz zu der üblichen kameralistischen Praxis der Ressourcenverteilung nach Tradition, Herkommen und individuellen Berufungszusagen (die möglicherweise unter ganz anderen Umständen und vor langer Zeit gemacht wurden) steht, muß hier, vielleicht zur Überraschung der Leser aus der Wirtschaft, ausdrücklich gesagt werden.

Auch andere Fakultäten und Institutionen bemühen sich im Zeichen stark rückläufiger Budgets um ähnliche, für staatliche Institutionen immer noch "innovative" Ansätze, um die Qualität von Forschung und Lehre steigern, oder wenigstens doch halten zu können. Man kann auch, trotz der unvermeidlichen Friktionen und Konfrontationen, mit etwas Optimismus davon ausgehen, daß den Hochschulen der Ausstieg aus der Kameralistik und der Einstieg in eine effizientere Mittelbewirtschaftung gelingen wird, so denn die Rahmenbedingungen dafür endlich geschaffen werden.

Jedoch bleiben diese Ansätze Stückwerk, solang ein leistungs- und zielorientiertes Personalmanagement im öffentlichen Dienst praktisch nicht möglich ist. Die Problematik des Beamtenrecht ist allgemein bekannt, und soll hier nicht vertieft werden. Weniger bekannt, und deshalb vielleicht bemerkenswerter, ist die für die Forschung an Universitäten unheilvolle Entwicklung im Bereich der wissenschaftlichen Angestellten; d.h. bei den Doktoranden und Habilitanden. Diese Personengruppe trägt im naturwissenschaftlich - technischen Bereich die Hauptlast der laufenden Forschung, hier entstehen im Wechselspiel zwischen der Fachkompetenz, der Erfahrung und der Verantwortung des Professors, und der Arbeitskraft, dem Elan, der Unbekümmertheit und der Innovationskraft der Jugend die Innovationen. Umso bedenklicher ist es, wenn aus dynamischen Forschungsgruppen, die sich mit Inbrunst in ihre Thematiken verbeißen sollen und wollen, voll bürokratisierte "Dienststellen " werden, weil die zwar gutgemeinten in der Forschungspraxis aber oft kontraproduktiven Zwänge der Mitbestimmungsgesetze, Frauenförderrichtlinien, etc. dies erzwingen. Wenn z.B. für wissenschaftliches Personal feste Arbeitszeiten bindend vorgeschrieben sind, darf man sich nicht wundern, wenn selbst Doktoranden sich dann als "Diensttuende" fühlen und dann z.B. auch den ihnen formal zustehenden Weiterbildungsurlaub einklagen. Und wenn künftig nicht mehr der verantwortliche Professor, sondern eine unheilige Allianz aus Frauenbeauftragten, Personalräten und willfährigen Verwaltungsbürokraten bestimmt, mit welcher Bewerberin oder welchem Bewerber eine Doktorandenstelle besetzt wird, kann nicht erwartet werden, daß der Professor für die Qualität der Forschung und der promovierten Mitarbeiter dann noch die Verantwortung tragen kann oder will.

Die Hochschulen stehen in der Verantwortung, die Elite für die Welt von morgen auszubilden, darunter auch die Ingenieure. Akzeptiert man das Paradigma, daß Deutschland auf absehbare Zeit ein Industrie- und Hochtechnologieland bleiben muß, ist die technische Intelligenz besonders gefordert, denn sie steht an der Front des globalen Wettkampfs um Märkte, und damit um Arbeitsplätze und Volkseinkommen. Die Spielregeln diktiert längst der globale Wettbewerb, ob uns das nun paßt oder nicht. Die Geisteshaltung die nötig ist um im Wettbewerb bestehen zu können, ist an den Hochschulen nur unvollkommen vermittelbar; sie widerspricht ihren eigenen Strukturen. Es ist zu wünschen, daß auch die Verbände dies erkennen und dazu beitragen, das im Regulariengeflecht des öffentlichen Dienstes zunehmend gefangene oder eingeschlafene kreative Potential der Hochschulen wieder freizusetzen.


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H. Föll, erstellt am 16.05.97

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