Laudatio zum 60. Geburtstag von Ulrich Heute

Eigentlich sollte ich hier nur ein Grußwort sprechen, aber dann wurde daraus aus Gründen der Ausgewogenheit eine Laudatio. Ich muss jetzt also meinen Freund und Kollegen Ulrich Heute loben.
So wie ich Ihn kenne, wird Ihm das gar nicht recht sein, aber mir fällt es auch einigermaßen schwer, warum wird sich noch zeigen.
Um neutral anzufangen, kann ich erst mal festhalten, dass er in Magdeburg geboren wurde, und zwar, wie man unschwer ausrechnen kann, 1944. Aber schon früh verschlug es ihn in den Westen - übrigens, weil eine andere Familie im Austausch in den Osten ziehen wollte - und seine einzige Erinnerung an Magdeburg besteht darin, dass man ihm dort seinen Roller geklaut hat. Das hat ihn schon in jugendlichen Jahren erbost, und ist wahrscheinlich der tiefere Grund für seinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, um mal ein erstes Lob auszusprechen.
Er hat dann so 5 Jahre im Westfälischen zugebracht, und in Hannover 2 Jahre lang die Kästnerschule besucht. Ob er deswegen, oder trotzdem, heute noch gerne Kästner liest, lassen wir mal offen, und begleiten ihn jetzt nach Schwaben. Der Vater hatte bei Goethe nachgesehen, und sagte seiner Familie:
Laßt uns nach Schwaben entfliehn! dort kennt uns niemand; wir halten Uns nach Landes Weise daselbst.
Hilf Himmel! es findet Süße Speise sich da und alles Guten die Fülle:

Hühner, Gänse, Hasen, Kaninchen und Zucker und Datteln, Feigen, Rosinen und Vögel von allen Arten und Größen; Und man bäckt im Lande das Brot mit Butter und Eiern.
Rein und klar ist das Wasser, die Luft ist heiter und lieblich.
Fische gibt es genug, die heißen Gallinen, und andre Heißen Pullus und Gallus und Anas, wer nennte sie alle?
Das sind Fische nach meinem Geschmack!
Dass niemand sie kannte war wohl wahr, und ob der Uli Heute sich nach Landes Weise gehalten hat, werden wir noch sehen.
Das mit den Fischen hat aber wohl nicht gestimmt, vielleicht liegt hier einer der Gründe, warum wir heute bei den Fischköpfen, Entschuldigung, Frischköpfen, in Kiel feiern.
In Stuttgart besuchte er dann noch zwei Jahre die Lerchensteinschule, dann schaffte er den Sprung ins Karlsgymnasium. Das war damals noch nicht so ganz einfach; außerdem musste man noch ein Schulgeld bezahlen
In den Stuttgarter Schulen fand er dann schon früh zur Systemtheorie. Denn damals war das Paradigma der Systemtheorie noch einfach, es lautete: Wie man in die Black Box hineinruft, so schallt es auch heraus.
Experimentell konnte das aber nicht stimmen, denn wenn er z.B. in die Black Box "Klassenkameradschaft" hineinrief: "Kann ich bei Euch mitspielen?", dann schallte es ungefähr so heraus:
Halt dai bleede Gosch, Sauberliner, wenn'd net richtig schwätze kaasch.
Das untersuchte System zeigt also einerseits ein hochgradig nichtlineares Verhalten, anderseits war es aber weitgehend prädiktiv; seine Reaktionen waren vorhersehbar. Wie wir wissen, hat ihn derartiges Systemverhalten nie mehr losgelassen. Im übrigen erfolgte dann schnell die von Goethe schon als notwendig erkannte Anpassung an die Landesweise, denn schon bald antwortete der junge Heute dem Suchruf seiner Mutter nicht mehr ossihaft mit "Ich komme gleich hinauf", sondern korrekt mit "I komm' glei nuff" und bewies damit, gleichsam im Selbstversuch, die Überlegenheit adaptiver Systeme.
 
Im Übrigen haben beim frühen Uli Heute diverse Onkel eine große Rolle gespielt. Zunächst der eigene Lieblingsonkel, der als Ober-Ingenieur das berufliche Vorbild war. Damit kann man vermuten, dass eine gewisse genetische Vorbelastung vorliegt. Ein schneller Blick durch eines unserer teuren Mikroskope auf sein Genom, voll am Datenschutz vorbei, hat das auch sehr schön bestätigt; hier der Chromosomensatz:
 
ober_ing.
 
Am Rande registrieren wir, dass die korrekte Berufsbezeichnung nur bei Y-Chromosomenträgern möglich ist.
Dann war da noch ein Onkel im Stuttgarter Nachbarhaus, nämlich der Onkel von Birgit Heute, die damals, allerdings noch unter anderem Namen, zunächst Ihren Onkel besuchte, dann aber wohl zunehmend auch ausgewählte Mitglieder der Nachbarschaft.
Abitur war 1964, danach ging es erst mal zum Bund; volle 18 Monate zu einem Fernmeldebataillon. Was er in die Ferne gemeldet hat, ist nicht überliefert, aber man kann davon ausgehen, dass auch das System "Fernmeldebataillon" interessante Erkenntnisse über nichtlineares stochastisches Verhalten, gebracht hat, insbesondere als Funktion des Alkoholgehalts.
Er hat dann ab WS 65 in Stuttgart Elektrotechnik studiert, zuerst aber wie üblich ein Vorpraktikum bei der Firma Bauknecht gemacht; einer Firma die zwar behauptet zu wissen was Frauen wünschen, aber, wie ich vermute, unseren Jubiliar schon früh der Hardware entfremdet hat.
Als Uli Heute das Vordiplom machte, habe ich übrigens gerade angefangen in Stuttgart Physik zu studieren. Wir sind uns also mit hoher statistischer Sicherheit schon damals über den Weg gelaufen, jedoch ohne irgendwelche Wechselwirkungen. Möglicherweise bei einer der vielen Demonstrationen und Happenings in den wilden 68er Jahren, aber möglicherweise auch nicht, denn die Elektrotechniker hatten noch größere Probleme als die Physiker, sich so richtig und mit Lust mit den diversen Spielarten des Sozialismus und der Manipulation von Volksmassen zu beschäftigen.
Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass bei den viele Altachtundsechzigern, die heute in der Politik in Amt und Würden sind, keine Elektrotechniker dabei sind, und auch der Physiker Lafontaine sich nicht so recht hat durchsetzen können.
Die Stuttgarter Zeit wirkt immer noch nach - im "Remstäler Kreis", der sich regelmäßig trifft und wohl auch beim heutigen Fest zahlreich vertreten ist. Der Name ist übrigens eine Anspielung an den "Kressbronner Kreis" des Kurt Georg Kiesinger, Bundeskanzler von 1966 - 1969. Wir werden diesen Kanzler noch mal brauchen.
Mitte 1970 wurde er fertig - in 8.5 Semestern!
Jeder hier weiß was das bedeutet: Für einen normalen Job ist der Absolvent nicht mehr brauchbar, er muss an der Uni bleiben, promovieren, und kann dann nur noch Professor werden.
Das geschah dann Erlangen, später in Bochum, und das war eine fruchtbare und, wie man vor allem auch aus Birgits Ecke hört, sehr schöne Zeit. Das wird sich wohl auch heute wieder zeigen, deswegen mache ich jetzt gleich den Sprung nach Kiel.
 
Bewusst lernte ich Herrn Heute erstmals anlässlich seines Berufungsvortrags vor mehr als 10 Jahren kennen. In meiner damaligen Rolle als Gründungs- und Dauerdekan habe ich sehr viele derartige Vorträge gehört, an die meisten kann ich mich nicht mehr erinnern. Das sagt natürlich hauptsächlich was über mich aus, aber dass Uli Heutes Vortrag in meinem Gedächtnis blieb, sagt was laudatiomäßiges über ihn aus:
Der Vortrag war einfach gut - er hat ja auch den Ruf gekriegt.
In seinem Vortrag hat er übrigens er mit mathematisch stringenten Methoden gezeigt, was man schon immer vermutete: Fragebögen könnten viel kürzer sein - Hartz 4 lässt grüßen! Wie er mit Auto- Kreuz- und sonstigen Korrelationsanalysen an einem Beispiel zeigte, hätten's statt der 13 Fragen, die gestellt und einzeln beantwortet wurden, auch 2,73 Fragen getan. Die Antworten auf die verbleibenden 10,27 Fragen lassen sich dann nämlich errechnen.
Man könnte eine Menge Geld und Ärger sparen, wenn sich sein Erkenntnisse endlich durchsetzen würden, z.B. in Akkreditierungsagenturen.
Uli Heute's 1. Berührung mit Kiel war aber schon früher, nämlich am 20.7.1972; als er die Fähre nach Oslo bestieg und zum Skandinavienfan wurde; eine erste Wiederholung fand 1977 statt.
 
Aber 1993 wurde er dann in Kitzeberg richtig sesshaft, und demonstrierte uns in der TF als erstes seinen ungebrochenen Optimismus und den unbedingten Glauben an das Gute im Menschen. Er baute nämlich zum dritten mal ein Haus!
Die einzige Entschuldigung dafür kann eigentlich nur darin liegen, dass er im tiefsten Inneren Schwabe geworden ist, und sich die schwäbische Mentalität des Häuslesbaue vollständig zu eigen gemacht hat.
Aller guten Dinge seien zwar drei, heißt es, aber beim Hausbau kann man das bezweifeln, insbesondere, wenn man sich das Haus von Dänen und nicht Schwaben bauen lässt. Immerhin haben ihn die dabei gemachten Erfahrungen gestählt, und vom Gesichtspunkt des Katastrophenmanagements her schon auf seine künftige Tätigkeit als Dekan vorbereitet.
Aber jetzt muss ich Ihm mal wieder loben: Der Uli Heute beherrscht nicht nur die wichtigsten Sprachen deutscher Wissenschaftler,
 
L. Spaeth
 
- er kann sogar Deutsch. Das wirft natürlich gewisse Zweifel auf, ob er wirklich ein Schwabe ist, aber wir lassen's mal durchgehen. Und er kann Deutsch nicht nur so auf Durchschnittsniveau, wie der typische Journalist, Germanist, oder Materialwissenschaftler, sondern er beherrscht die Interpunktion der alten deutschen Rechtschreibung!
Ich weiß das, denn er hat viele meiner Schriftstücke, die ich als Dekan reichlich absondern musste, nicht nur gelesen, sondern auf's feinste korrigiert.
In einer irgendwie schon repräsentativen aber bisher geheimen Umfrage, die ich als Dekan zum Generalthema: immerwährende Mittelkürzungen, Sparen, kooperieren, usw. mal machte, war er einer der ganz wenigen Professoren, die in folgender Aussage den Kommafehler sofort entdeckten:
 
 
Er hat das überzählige Komma nicht nur weggestrichen, sondern er handelt auch nach der kommafreien Maxime! Er hat sich von Anfang an nicht nur um seinen Lehrstuhl gekümmert, sondern viel Zeit und Energie für das Wohl von Fakultät und Universität aufgebracht.
Nachdem nun aber keine gute Tat auf Dauer unbestraft bleibt, musste er zwangsläufig Dekan werden, und vorher und nachher noch Prodekan. Dieses Wort trifft's aber nicht ganz richtig, man muss es umstellen: Er war der Dekan Pro, der Profi im Dekanat.
Mein Nachfolger wurde er übrigens nicht ganz zufällig oder gar basisdemokratisch, sondern weil die Fakultät einen "Integrier" brauchte, nachdem ich, wie man hörte, etwas zu stark differenziert hatte.
Beim Differenzieren sind naturgemäß einige beliebte Konstanten weggefallen (z.B. das "Haben wir doch immer so gemacht, haben wir noch so gemacht, ...). Es ging aber nicht darum, diese Konstanten wieder einzuführen, sondern als integrierender Faktors zu wirken, und diverse Konstellationen und Fraktionen wieder dichter zusammenzuschließen. Dazu muss man mit Menschen, und nicht mit Konzepten arbeiten und Uli Heute war genau der Richtige dazu.
 
Denn alle die ihn kennen wissen, dass er eine besonders herausragende Eigenschaft hat: Er glaubt grundsätzlich, unbedingt, unbeirrbar und bis zuletzt, an das Gute im Menschen.
Mehr noch, er glaubt nicht nur an das Gute im Menschen als solchem, sondern auch an das Gute in Materialwissenschaftlern, Elektrotechnikern, und sogar Informatikern.
Er hat integriert und Großes geleistet. Das will ich nicht nur loben, sondern mich dafür auch ausdrücklich bedanken. Ich glaube, dass ich hier für viele Fakultätsmitglieder spreche, wenn ich die zum Wohle der Fakultät geleistete Arbeit, die ja weit über das Dekanat hinausging und immer noch geht, ganz ausdrücklich würdige. Ich sage nur:
Zahlreiche Aktivitäten zur Außendarstellung, zu Public Relation im Allgemeinen, und zu Beziehungen mit Schulen im Besonderen.
Vorstandsjob und entsprechend viel Arbeit im Förderverein der Technischen Fakultät.
Mitglied in zahlreichen Kommissionen, Beiräten usw. z.B., für uns wichtig, bei der Technologiestiftung Schleswig-Holstein.
Hauptakteur bei der Einführung und Durchführung des ersten Master Studiengangs der Elektrotechnik und bei der auch nicht gerade vergnügungssteuerpflichtigen Akkreditierung desselben.
Aktiver in der Uni-Gesellschaft.
Und so weiter und so fort.
 
Ich kann nur appellieren: Uli, bitte mach' weiter so, die Technische Fakultät hat's nötig.
 
Zur Forschung werden Berufenere noch was sagen, aus meiner Laiensicht kann ich nur feststellen: Er hat auch in seiner Forschung, so weit ich das verstehe, ungeahnte Fortschritte gemacht.
Die Zukunft beim Handy, oder allgemeiner in der zwischenmenschlichen Kommunikation, liegt, so habe ich von ihm gelernt, in streng wissenschaftlichen Schätzverfahren.
Ein paar Grunzer auf beiden Seiten reichen, der Rest wird interpoliert und geschätzt. In der öffentlichen Kommunikation, so man um Radio, Fernsehen und Presse findet, wird das Verfahren derzeit insgeheim erprobt. Ein Talkrundenteilnehmer grunzt zum Beispiel nur noch kurz "Ha", daraus wird in Realtime sofort Hartz 4. Entgegnet der Gesprächsteilnehmer dann "So" wird mit 93.45% Konfidenz "Soziale Gerechtigkeit" daraus. Wer fernsieht weiß, dass dem Verfahren eine große Zukunft bevorsteht.
Die Weiterentwicklung diese Forschungsrichtung wird auch bestärkt durch Schlüsselerlebnisse im Dekanat. Wenn Ihnen so um 10:00 abends im Dekanat einfällt, dass Ihre Frau für diesen Tag eigentlich ein Abendessen mit Bekannten arrangiert hat, dieses Faktum Ihnen aber leider entfallen ist, und sie ihre Frau dann anrufen, dann werden sie praktisch ohne Input jede Menge Output bekommen.
Ich habe mir bei derartigen Erfahrungen nicht viel gedacht, der Uli Heute aber denkt sich, das müsste sich doch verallgemeinern lassen. Wir können also darauf warten, dass die Black Box, die jetzt Handy heißt, zukünftig Antworten, also Output, auf gar nicht gestellte Fragen, d.h. praktisch ohne Input generieren kann.
 
Aber nun genug gelobt. Lassen Sie mich die Loberei in einem Satz zusammenfassen:
 
Ulrich Heute ist ein Schwabe.
 
Mehr lobendes kann ich über einen Menschen kaum sagen, wer's nicht glaubt sollte in unseren verharzten Zeiten mal darüber nachdenken, warum man die Zeit, in der Bundespräsident, Bundestagspräsident, und der vorhin erwähnte Bundeskanzler Schwaben waren, heute als die gute alte Zeit bezeichnet.
 
Eingangs habe ich festgestellt, dass mir das Uli Heute Loben schwer fallen würde, trotzdem habe ich es die ganze Zeit über getan. Das Rätsel will ich jetzt lösen. Für Schwaben gilt in Schwaben der Grundsatz:
Mir lobet keinen, es sei denn er hat's neetich.
 
Ulrich Heute hat's nicht nötig.
 
 
Zum Schluss will ich nicht versäumen klarzustellen, dass meine Glückwünsche, Danksagungen, und Lobhudeleien implizit auch für Birgit Heute gelten; sie - und er - werden schon wissen wofür.
Ganz zum Schluss bleibt mir nur noch, meine persönlichen Glückwünsche zum 60ten zu bekräftigen, und zwar mit dem schwäbischen Dreiklang
 
Trollinger - Lemberger - Riesling
 

© H. Föll