Pyramidenzoll

 
So ungefähr in der Mitte des 19. Jahrhunderts eroberten die Briten sich ein Weltreich, das Empire, zu dem auch das "Protektorat" Ägypten gehörte.
Fasziniert von den dortigen Altertümern, begann ein Forschen und Feilschen, ein Graben und Grabschen, ein Rennen und Sprengen (z.B. innerhalb der Cheopspyramide), ein Suchen, Räumen, Messen, Schreiben und Konservieren sowie ein Plündern und Rauben (ein Großteil der Sensationen in "Britisch Museum" ist schlicht illegal außer Landes geschafft worden).
Aber auch die "Pyramidiotie", die gerade mal wieder fröhlich Urständ feiert (man suche mal nach Büchern zu dem Stichwort "Pyramiden"), hat hier ihre Wurzeln.
Der erste Pyramidiot, sozusagen der Ahnherr von Legionen, war der schottische Hofastronom Piazza Smyth, der diesen Titel 1845 im zarten Alter von 26 Jahren erhielt.
Kräftig geholfen bei der Karriere hat ihm Sir John Herschel, berühmter Astronomensohn des noch berühmteren (und deutschen) Friedrich Wilhelm Herschel, der 1781 den Uranus entdeckte.
Sir John war außerdem ein "Pyramidennarr". Er hat wohl als erster ausgerechnet, wie alt die Pyramiden sein müssten, wenn man annimmt,daß sie im Jahre ihrer Erbauung exakt auf einen besonders hellen Stern ausgerichtet waren. Sein Alter von ca. 4800 Jahren ist erstaunlich gut. Richtig wären etwa 4500 Jahre.
Piazza aber drehte völlig durch. Auf der Basis einiger Werke noch älterer Spinner und vieler eigenen "Berechnungen" schrieb er ein Pyramidenbuch ("Our Inheritance in the Great Pyramid"), das bis heute hunderte von Epigonenwerken inspirierte.
Die zentrale These ist simpel: In der detaillierten Geometrie der Cheopspyramide ist alles, aber auch restlos alles kodiert (z.B. der Börsencrash 1928, wie seine Nachfolger "herausfanden").
Die Cheopspyramide (und seltsamerweise nur diese (es gibt über 80 Pyramiden, darunter einige ältere und fast so große)) muß deshalb göttlichen Ursprungs sein und göttlichen Willen ausdrücken (Piazza war fromm).
Aus den vielen Maßen der Pyramide läßt sich nun als kleinstes gemeinsamer Teiler die verwendete Maßeinheit herausdividieren, der Pyramidenzoll, der damit automatisch den göttlichen Segen hat.
Und siehe da: der Pyramidenzoll war identisch zum damals gebräuchlichen englischen Zoll! Die göttliche Inspiration lag sichtbar über England.
So ganz identisch war er übrigens nicht - etwa ein Promille länger. Aber man muß natürlich auch die Meßfehler berücksichtigen. Eine Pyramidenzoll erhält man beispielsweise, indem man den Umfang der Cheopspyramide durch 364,2423 teilt (der Dauer eines Jahres in Tagen; liegt ja nahe) und dann nochmal durch 100.
Jedenfalls hatte Herschel, der aus irgendwelchen Gründen (und mit großem Einfluß) gegen das metrische System kämpfte (er war Mitglied der "Standard Commission"), jetzt unglaublich wirksame Schützenhilfe von Piazza Smyth:
Das englische Maßsystem, by God, kam direkt von Gott! Ein Eingehen auf das metrische System; letztlich ja ein Ansinnen der gottlosen Franzosen, kam bei dieser Sachlage überhaupt nicht in Frage.
So hirnrissig das heute klingt - Piazza Smyth hat tatsächlich einen Feldzug für das göttliche englische Zoll gestartet, der gewaltigen Wind machte und im Volk auf große Zustimmung stieß. Das metrische System wurde abgelehnt.
Zur Ehrenrettung der englischen Wissenschaft muß aber gesagt werden, daß sie sich 1869 im Prinzip für das metrische System entschied. Piazza mußte sowohl aus der "Standard Commission" als auch aus der "Royal Society" austreten - aber gewonnen hat er doch! Die angelsächsische Welt, insbesondere die USA, ignorierten ihre Wissenschaftler und setzen weiterhin auch heute noch auf das göttliche Pyramidenzoll.
 

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© H. Föll (MaWi 1 Skript)